Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 2 (1855) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
3 (1855-1856)
Issue
2 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4908862-5999341-6000713--0594-4909307
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7 «ir einige* Geld gegeben hatten, nahmen sie »ich in eine mir ganz unbekannte Spelunke in einem entfernten Stabttheil, dem Sammelplatz alleverrufenen Otstndel-, mit. Hier führten fie mich in eine dunkle Stube, die ein einsame- Lämpchen erhellte, ließen mich schworen, nie etwazu verrathen, und theilten mir zunächst 'eilten Plan mit, der noch heut zu Nacht au-geführt werden sollte. Egalt, einen reichen Geizhalzu bestehlen, ich sollte heute mein Probestück ablegen, jedoch vorerst nur Wache stehen — man besprach sich über die Gefahrlosigkeit de- Unternehmen-, und bemerkte, daß, da Widerstand gar nicht möglich, die-mal auch keine Waffen mitzunehmen seien, die nur belästigen würden. Indem man mir Stunde und Ort de- Stelldicheinmittheilte und einschärfte, entließ man mich zunächst. Alich diese Eröffnung hörte, fühlte ich eine riefe Erschütterung in mir, die sch aber wohl» wei-lich verbarg. Alich nach meiner Wohnung ging, kreuzten sich meine Gedanken unaufhörlich. Also bi» zum Diebe ist meine- Pater- Sohn heruntergesunken — rief eine Stimme in mir; bizum nächtlichen Einbrecher meiner Mutter Liebling und Glück'. Diese Erinnerung zuckte auallen verborgenen Winkeln meiner Seese hervor. Aber wasoll ich beginnen? soll ich verhungern? auf dem Strohlager umkommen? wer nähme sich meiner an? habe ich enicht empfunden schon? ist nicht der nagende Schmerz meiner Eingeweide eben überwunden worden? und durch wen? Ich. muß. ich muß, ich kann nicht ander- ... dawar der stete Refrain meine- Nachdenken-. Meine Derwandten hauen mich langst aufgegeben, meine Jugend» freunde mich von fich gewiesen ... So kam ich nach Hause, nach meinem Dachstübchen. ES war nach fünf Uhr, und um sieben war ich bestellt. AlS ich in mein Zimmer will, verwechsle ich-in meinem Brüten die Tbüren, und trete bei meiner Wirthin ein. Wie staunte ich. Alleso verändert zu sehen, trotzdem Alledasselbe war. Die! Tische und Kommoden mit weißen Decken belegt, Alleso blank und schimmernd, der klein, Eckkisch bedeckt und^mit großen Kerzen besetzt, und die alte Frau in einem Ritten weißen Operrotfe, einer wie Schnee glänzenden Hdube mit weißsei^enen Bändern. „Waist da-?" frug idj erstaunt. „Entschuldigen Sie, verzeihen Sie, Herr B.." lautete die etwazögernde Antwort. „ich habe doch ersochren, daß Sie auch ein Jüden. kind find, und braver, jsrvmmer Jüden Kind, über Sie Frieden! wissen Sie denn nicht, daß morgen zu Gott Zaum Kippur ist und heut Abend Kol Rsdre zu Nacht?" — Ich war wie vom Blitz getroffen. Mein Schweigen machte die Frau dreist, sie trat zu mir. „Herr B.. wollen Sie nicht auch in die heilige Schul' geben? thun Sie'- Ihren seligen Eltern zu lieb, ekann Ihnen doch nichtschaden, gehen Sse heut Abend hin, und wenn Sie dann nicht wollen, ,bleibe» Sie morgen au- .... bitte, essen Sie mit mir^ und kommen Sie mit . . . ." Ich konnte nicht antworte«, riß meine Hand auder ihrigen, und stürzte in mein Stübchen. ^Wie?" rief ein mir, „ln der Stunde, \n welcher einst Deine Eltern vor Gott die'Sünden ihreseinen Herzengekannten, willst Du auf die niedrigste Stufe der Verbrecher sinken, willst Du ein Dieb. ein Handlanger von Dieben werden, vielleicht mit der Zeit ein .... ." Ich hielt enicht au-, eschüttelte krampfhaft < meine Brust. eS schnürte mein Herz zusammen; noch wankt' ich und schwankt' ich, da- Schreckbllb, waaus mir werden sollte,, tauchte immer wieder i» mir auf .. ich hörte dafromme Weib-drinne» seine Teller bewegen, fie war fertig, ste zündete das Lichtlein an, ste schloß den Schrein auf, um da- Gebetbuch zu holen, ich hörte Schritt vor Schritt —. da ging ste zur Thüre, ich stürzte nach meinem Hut, öffnete auch meine Thüre, und rief ihr zu: „Frau Jitte, ich»gehe mit." — „Gott fei gelobt," rief fie jubelnd, „nun wird Gott ihr und mein Gebet erhören!" und ste trippelte zur Stube zurück, holte ein verstäubte- Gebetbuch hervor, reinigte e- und aab emir in die Hand: „Da-ist meineseligen Jakob'-* Machsor, ach. er betete gar fromm darau-, er war ein großer Ehoßid, olof hascholaum!" — Wie ich in die hohe Halle deschon gefüllten Tempel- und nach einem» Wink der Frau Jitte an einen Gemeindeboten auf einen schönen Sitz kam. weiß ich eigen!« lich nicht mehr. ES'.war ein Ehaovon Gefühlen in mir, alwenn die Hölle alle ihre Hchaaren, der Himmel feine Engel au-gefender. um mich zu streiten. Der Ehafan begann; Schweigen in dem großen Raume; erst leise, dann stärker, immer schwellender biwie zum Posaunenruf-4önte e-: alle Deine Gelübde, die Du gelobet, rhöricht und leichtstnnig, seien Dir erlassen! Galt danicht mir? all' Deine Schuld sei Dir vergehen, alfie im Jrrthum geschehen!- Scholl da-, zu mir?. Kehr' um, kehr' um zu mir. ich tilge Deine Miffethaten wie Wolke! Träfe das mich? Und auallen Tiefeif meine- Herzenscholl es: Ja, ja. Dich, auch Dich! .... Doch wie könnt' ich mit Worten au-drücken, was in diesen Stunden in mir vovging? Ehatte schon sechs Uhr geschlagen, eschlug halb, drei Viertel, die Angst ergriff mich: mußt.' ich nicht fort? Wawillst Du hier? schrie emich an, Du gehörst an einen andern Ort, fort, fori auder Gemeinde der Gerechten, Du mußt ja stehlen, Du Dieb . Ich wollte fort, durch den dicht gedrängten Haufen stürzen — da erhob gerade die ganze große Gemeinde ihre Stimme: Avaunoj, Adaunoj,- Eil rachum wechanmm? „Der Ewige, der Ewige, Gott, barmherzig und gnädig ... . Ich konnte nicht fort, ich mußte mit einfallen in den Ruf, der wie ein Weltgericht tönte — eschlug sieben Uhr -- ewar vorbei. Ich warf mich auf meinen Sitz nieder. Ich fühlte, jetzt sei keine Rückkehr möglich, sondern nur eine Umkehr. L Ein süße- Gefühl de- Friedendurchdrang mich, wie tch lanz nicht gekannt, wie in meiner Kindheit-' wenn ich reuig an die Brust meiner Mutter zurbckgekehr» war. Ich wußte, ich stand ag einem Abgrund, aber ich wußte ebe» so bestimmt, ich würde gerettet werden, ich brauche jetzt nur zu beten, dann würde schon die Hülfe koittmen ... 'Alder Golte-dienst zu Ende war, alich «ir meiner Wirthin nach Haufe ging, frug fie wich nicht, ob ich den andern Tag wieder „in die heilige Schul " ginge — ste sah. ich nahm ihre- Manne- Gebetbuch in mein Zimmer mit. Früh war ich aus, ging fastend in den Tempel, und entfernte mich den ganzen Tag nicht einen Augenblick. Inbrünstigere, unabläffzgsre Gebete sti-gen niemals auf. Alich in den Morgenstunden so vor dem Gebetbuch stand, bemerkte ich endlich, daß ein Nebenmann, wie eschien ein Fremder, gern mit hineinsehen mochte, da er nur ein. gewöhnliches, für alle Tage de- JahreD bet fich hatte. Eigentlich unangenehm, berllhlt. schob ich th« daseeine doch zur Seite, und wrr cheilten nunmehr die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.