Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 3 (1855-1856)
- Issue
- 2 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ncn. Aber dennoch hat mich meine Erfahrung rin Andrrr» gelehrt. Die Zugend. welche Kraft und Willen zum «Uten hat. muß."-soll ste für'« ganze Leben gedeihen, Hindernisse zu überwinden haben, muß ringen und kämpfev. Dadurch erstarkt ste, wir» ihr,« Glücke« eigner Schmied, besonnen und weise — giebt man ihr zu leichte« Spiel, ebnet man ihr zu sehr die Wege: so gerSth ^ste gar zu oft auf Abwege. Im Gegentheil aber, wenn die Zugend verirrt ist. wenn sie, all sich und dem Geschick verzweifelnd, allen Schrecken de« Verderben« in die Arme zu finke» droht — dann ihr aufzuhelfen, dann keine Mühe, keine Mittel scheuen, um ste zu retten und in die Höhe zu schaffen, ist ein große«. göttliche« Vollbrin» gen . * (Sc hielt wie inne, und ich schwieg. Rach einer Weile begann er: „Wissen Sie. Freund, daß ich viel Lust habe, 2^'nen meine Leben-gefchichte |u erzählen? (&« ist sehr wohltbuend, an der Seite eine« erprobten Freunde« der alten Zeiten zu gedenken, und ihm Aufschluß zu geben über sein eigene« Wesen. Wollen Sie hören?" Zch drückte ihm'die Hand und sprach: „Sie erfüllen einen langgehegten Wunsch, um den ich Sie aber nicht angeh,n durfte." Der Abend war b,rangekommen, da« Zimmer traulich erheizt und erleuchtet, der Mokka dampsfe) und eine schöne Pfeife ruhte in unsren Händen. Da ließ e« sich gemächlich erzählen, gemächlich anhörea. „Zch «ar der einzige Sohn begüterter Eltern in M. Ihre Ehe war lange Zeit ungesegnet geblieben, und al« .mich die göttliche Vorsehung an die Brust meiner Mutter, in die Arme meine- Vater« legte, da war ihnen ein Himmel voll Stücke«, mir voll Liebe aufgegangen. Ach, meine Eltern waren die herrlichsten Menschen; voll Frömmigkeit, daß die geringste religiöse Eeremonie unter ihren Händen, einen Zauber von Weihe, das kleinste Gebetwort eine Fülle von Andacht empfing; voll Frieden«, voll Wohlthätigkeit. Rur ibre zu große Liebe für mich war kein Heil. Jetzt freilich', wo mich Sott bis hreher begnadigt hat, und ich gerettet mit weißea Haaret, da stehe, jetzt erkenne ich, daß ihre Zärtlichkeit, die doch nie Unrecht rechtfertigte, ihre Innigkeit und Sottgefällizkeit unverwischbare Spuren der Tugend und Religiosität in meine Seele furchten — äbet da« ungebändigte Kind hatte volle Gelegenbeit. wilde Leidenschaftlichkeit in sich zu pstegen, tausend Wünsche zu haben und möglichst erfüllt zu sehen. Der Knabe ward zum Züngling, und gerade indem ich meinen Eltern meine Abwege zu verbergen suchte, ohne mich auf ihnen stören zu lassen, beförderte ich mein sittlich,« Verderben «ehr. - Dennoch fühle ich mich noch heute sehr glücklich, baß der Herr de« Leben« beide in kü^ester Zeit nach einander abrief, ohne daß sie meine« schlechten Lebenswandel« inne wurden, sie starben im guten Glauben zu mir und — mich segnend, da ich diesen Segen längst nicht mehr verdimte. Um mich aller lästigen Aufsicht von Verwandten und Dormnnd zu entziehen, verließ ich di, Stadt, und. ging hierher. So lange, ich noch minderjährig war — hier zu Lande leider! nur bi« zum 21. Jahre — hatte ich wenigsten« noch einige Zügel, da mir nicht allzu viel Held zu Gebote stand, und da« Mittel, Schulden z» machen, bald zu Ende ging. Den Tag aber, wo ich «ei» väterliche« Erbe au«gezahlt erhielt, feierte ich mit einem großen Gelage mit meinen säubern Kumpanen^ von denen die meisten mich al« ein zu rupfende« Vögelt chen anfahen. Wa« Wunder, daß nach zwei Zähren dasauer erworbene Vermögen meiner Eltern vergeudet und verspielt war, und ich mich ziemlich entblößt fand. Zu arbeiten batte ich verlernt, eine Stunde der Besinnung ließ ich nicht in mir auftommen, meine Spießgesellen nahmen mich in ihre Gilde auf, Anderen zt» thun, wie mir geschehen. Aber e« sei, daß ein kleiner Rest von Schamhaftigkeit mich verhinderte, genügende Talente zu entwickeln, oder daß die Natur sie mir überhaupt versagt harte — meine Kameraden sahen mich nicht für voll an, und ich merkte bald, daß e« in unserm Kreise noch vkrschiedene kleinere Kreise gab, daß halb und ganz Ein» geweihete vorbanden waren, wie von selbst. Darüber erwachte mein Aergrr, ja mein Ehrgeiz, denn Ehrgeiz giebt e« selbst unter Strolchen. Zch ward bi« jetzt zu kleinen Betrügereien, zur Verlockung von Gimpeln am Pharo- und Spieltisch und allerhand Manoeuvre« gebraucht. Aber der Lohn war auch gering. Zch sah. daß nicht blo« die Tonangeber in unserer Gesellschaft, sondern auch andere Theilnehmer mehr Geld, bisweilen großen Ueberfiuß hatten, den ste zur Schau zu tragen nicht verfehlten. <S« galt bei uns die Politik, daß ein Zeder einzeln und zwar bei den ehrsamsten, unbescholtensten Bürgern sich einwohnte, daß überhaupt Zeder zu Hause in allem Thun und Lassen die äußerste Ordnung-und Ciktfamkeit beobachtete. Da wohnten Einige nun gar prächtig und voll Lurus, fuhren und ritten, während ich z. B. in einem Dachstübchen bei einer ehrlichen Judenwitlwe vortteb nehmen mußte.- Ich knirschte mit den Zähnen. Zch wollte wissen, was dahinter stäke, ich wollte meinen vollen Theil an Schuld und Lohn .... Als ich daher nach einiger Zeit mit unsren Haupträdelsführern zusammen war. so sprach ich mich mit! Ungestüm aus, verlangte Aufschluß und Mittel. Jene sahen sich eine ZeitlMg bedeutungsvoll an. und brachen in ein belle«, ironisches Gelächter aus. „Wie." sagte der Eine, „Du trotzest und fährst auf, Züngelchen? Sieh zu, daß Du erst flügge wirst, und dann frage wieder vor. Wir lassen uns nicht vom Ersten. Besten gängeln . . . ." Zch gerielh in Wuth. Sie lachten nochmehr, und riefen: „Versuch'« ohne unS!" . . . DaS. wollte ich; mir geballter Faust eilte ich heim, und sann und ttachtete, und rannte'hin und her in meinem Dachstübchen. Laß meine arme Wittwe fürchtete, ich hätte den Verstand verloren. Aber bald litt ich Roth; meine Habseligkeiten schwanden; ich ging nach den ge- .wohvten Plätzen, um auf eigene Hand etwa« zu unternehmen — aber überall stieß n,an mich fort, tbat al« kenne man mich nicht, jq verrieth mich an Di,, welche ich berücken wollte . - . ich gerielh an den .Abgrund deS Verderbens, und — wurde mürbe . . . Eine- Tage«, da der Hunger schon gewaltig an mir nagte, ging ich hin, wo ich jene schrecklichen Männer zu treffen wußte, ich de« mülhigte mich »or ihnen, und bat, mich wieder anzunehmen, ich wäre zu Allem bereit. Weitläufig frugen sie mich aus, wie es mir ergangen, und 'tu ich vor Hunger bald umfiel — blickten.sie sich gegenseitig an, winkten sich zu, und sprachen: „er ist gut! . . ." Nachdem sie mich mit Speisen erauickt, mich mit neuen Kleidern versehen und