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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 52 (1855) · p. Seite 207

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
52 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 207 (sequence 3)
Language
German
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Die rechte Buße, j — . Sem Ludwig Echraggje. / Der Kalif Abdallah II. hatte bereits zehn Jahre die Gläubigen in Bagdad beherrscht. Selige Regierung war eine derjenigen, von welcher man nicht«! überau- Gute-, nicht« überau« Nachtheillge« sagen kanii, sie schwankte zwischen Recht und Unrecht, zwischen Billigkeit und Ge« waltthat. | i Zehn Jahre waren, wie gesagt, verflossen. Aber feine Umgebungen bemerkten ftir Jahresfrist eine große Umwandlung mit dem Kalifen^ Der strenge, wiÜenSfeste Monarch rvbr unrubig, lässig, finster geworden. Er ging viele Etun« den hindurch mit geftnktjem Haupte uny verschlungenen Händen durch seine Gemächer, ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Blick um sich! zu werfen. Snn Appetit lag darnieder, sein Schlaf war unruhig. -Üst sprang er in den Nächten von seinem Lager auf und Üegann zu wandeln. Seinen Harem betrat er nicht mehr. Die RegierungSgeschäfre überließ tu Wochen lang feinen Vezieren. Tann schüttelte er sich plötzlich, ließ seine Diener kommen, forschte nach Allem, prüfte Alle« — aber auch dann ließ er Milde vorivalten, wenn er nicht All«« in Ordnung befand, nur daß er ernst warnte und in tzLiederholungSfällen mit schwerer Strafe drobete. Dabes litt sein Körper sehr, er magerte ab, ' fiel zusauimen. ohne daß man eine sichtbare. Ursache gewahrte, ohne daß ^r .seine Aerzte befrug. ‘ Dieser Zustand batte schon fast ein Jafir gedauert und wuchs statt sich zu mindern. Plötzlich in einer stürmischen Nacht, da ein furchtbares lUnwetker wütheyr. der.Honzmr rollte, die Dlftze zuckten Unaufhörlich, eiy Orkan rafete über die Stadt hin. wgrf die Dächer uftd Schornsteine herab, entwurzelte die Blume der Gärten — berief er eine Anzabl Diener, und entsandte sie nach verschiedenen Onanieren der Stadt mit Schnelligkeit. Den Einen beorderte er zu dem Oberbraminen der Indier, welche jenseil de«. Flusses abgesondert wohnten, den Ändern zudem Mufti der Gläubigen, den Dritten zum Patriarchen der Christen und einen Viertelt zu dem Cbacham-Baschi der Juden. Alle mit dem gemessenen Befehle/die genannten Würdenträger sofort milzubringeu; sie sollten sich nicht vorbereiten, kein? Gallaklrib«^ und Würdenzeichen anthun, sondern möglichst schnell erschemen. Er befahl, die Ankommenden.in ein Gemach zu führen, und, wenn Alle versammelt wären, eS ihm anzuzeigen. Seinem Befehle wurde gehorfault, und di» armen geistlichen Herren kamen fast tobt vor Schreck und ganz durchnäßt im Serail an. Aber ein tüchtiger Mqkkatrank, :der ihnen gereicht ward, beruhigte ibre Gemüther und ihre aufgeregten Nerven. Sie schauten sich verwundert an, ließen fich abgesondert am dem Divan nieder, jeder air einer andern Ecke des Gemachs, und^fprachen kein Wort Imit einander. Dre Tassen waren geleekt. der Kalif erschien, die üblichen Ceremonieen waren geschehen. Da hob stlbdallah an: „Ich habe Euch berufen lassen, die Ihr di« Priester und Lehrer aller der Völker seid, welche mein Zemer beherrsch., also die Weisen und die Dolmetscher GotteS jmr die schwachen Staubgebornen. um Eure Meinung, Eursm Rath entgegenzunehmen in einer Sache, in der eS sich um mein ganzes Heil, um meine Ruhe, um mein Lehen handelt." Die vier Geistlichen schraken zusammen. „Ihr habet nichts zu beachten. Ich schätze Euch, weil Ihr daS Höchste deS Menschen tu Verwahrung habet. Bei meinem kaiserlichen Worte-verheiße ich Euch Leben, Ehr« und Güter auf immer unverletzt zu erhalten, waS Jbr hier auch sprechen werdet, so lange Ihr unverbrüchliche« Schweigen. über diese Stunde haltet. Ihr müsset aber auf meine Frage, streng nach der Wahrheit,'nach Eurer Uebet^eugung antworten, sonst würde meine Ungnade Euch furchtbar treffen. -Gelobt Ihr Beide«?" Und die'viel Männer sprangen aus, legren die Hand auf da« Herz und verbeugten fich bi« auf den Boden. Der ^talif hob von Neuem an: „Meine Regierung kennt Ihr; Ihr seid, wenn ich nicht irre, länger schon im Amte und wisset, w»S geschehen. Dessen 'kümmere ich mich auch nicht, ich habe stet« gethan.' so wie ich eS für Recht hielt, und irren werden alle Slerb-' lichen. ES ist ein Andre«, um daS ich Euch kommen ließe. Wisset, daß ich zu dem Throne, auf dem ich fitze, auf einem blutigen Wege aelanate. Meinen Oheim, den Beherrscher der Gläubigen vor mir, habe ich in der Schlacht bei Tergamauth verlassen, alS.der Kampf zum entscheidenden Punkte gelangt war. so daß er nebst zwanzigtausend Gläubigen durch da« Schwert umkam. Zch benutzte die darauf folgende Verwirrung. tödtete die Söhne meine« Oheim«, und nahm den verlassenen Thron in Besitz. Lange Zeit saß ich auf demselben, der Vergangenheit nicht gedenkend. Jetzt aber ist die Erinnerung aufgtwacht, die schwächste Qual, die furchtbarste Angst hat fich meiner bemächtigt. Tag und Nacht fthe/ich den tchulo« verlassenen Oheim. daS Schwert in der Brust, sehe ich die gemordeten Vettern mit der Schnur um den Hai«, vor mir vorüberschreiten, mich mit namenlosem Entsetzen erfüllend, mich auf die Schrecken der Hölle verweisend, dre meiner warten. Lange Hab' ich gekämpft, habe die SchreckbUder zu verscheuchen, dir Schatten zu bannen gesucht. Vergeben«. Je mehr ich rang, desto größer wurde' die Gewalt der Todtrn über mich .... Sehr, darum habe ich Euch rufen lassen. Ihr sollt mir helfen. Ihr sollt mir verkünden, ob rch Gnade vor dem Throne Allah'« zu erwartet» habe,' und wie, auf welche Weise ich sein Erbarmen erlangen könnte, daß der Friede, oder'doch die Ruhe in meine Seelo^ kehre, unb ich sicher Dem entgegen zu gehen vermöchft, wa« da ^kömmr Ihr sollt mir antworten, Jeder nach der Lehre, die ihm anvertraut ist, nach den Glaubenssätzen seiner Religion, unerschrocken, bestimmt und unverholen." Die Geistlichen schwiegen, erschrocken über da« furchtbare Geheimniß, welche« ihnen mitgetheilt worden; fie , wünschten fich weit entfernt — aber da« half nicht«. Der Mufti war der erste,, der sich faßte, und da der Kalls ihn zuerst anschaute und seine Antwort erwartete, begann er: „Beherrscher der Gläubigen! Wie sehr wundre ich mich, daß Du über dey Fall, von welchem Du gesprochen, zweifelhaft sein kannst. Du weißt: Allah il Jllah! Gott ist groß und Mu^aved sein Prophet. Derselbtge har au«- gesprock"' daß Allah de« Gläubigen nur sich erbarmet, und die «fcoif >rin für die Ungläubigen ist. Du bist nicht der erste, u wirst nicht der letzte Herrscher sein, der auf solchem Wege zum Throne gelangt. Gott, erhalte Drin Leben! Wa« gef hen. mußte geschehen. Allah haste e« bestimmt so. Halte pünktlich da« Gebet, vollziehe die Waschungen und gieb reichliche« Almosen — und um da« Weitere sei Dei»e Seele ruhig. Muhamed trägt alle Beherrscher der Gläublgen, alle seine Nachfolger in'« Paradies;». ."

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