Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 52 (1855) · p. Seite 206

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
52 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4908862-5999336-6000708--0578-4909292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

206 Wvu gezogen. bi- Du bin eine neue Heimatb gesunden, vine Stätte, wo man Dich Nett und ebn. Aber Du brachtest doch mit Dir. außer dem Stoffe, aus welchem . Tu geformt bist, als Symbole und Erinnerungen jene Anfichten von Orten und Bauten, deren Bedeutung biin die graueste Vorzeit Israelreichet, bis in die wichtigsten Epochen seiner Geschichte. Unscheinbar an fick, nicht' mit den Ansprüchen,'alein Kunstwerk in die Kleinodien» - sammlungen der Menschen ausgenommen ru werden, lebt in Dir dennoch eine Welt de- Geistes, die dem Zaubrrrufe des Geistes sofort erstebt. lebendig wild und mit unsäglichem L-obl und Web die Brust erfüllt! Und nun al- Träger dieser i'arbigen, duftenden, stüchtizen Kinder de- Augenblicks — Tu so fest und mächtig. Jahrtausende dauernd, ne unter dem Schimmer und der Anmuth schon den nahen Tod des Perwelksns verrarbend! Wie-oft wer: den wir ste wechseln in Dir. neue an die Stelle der Dürren bringen, ste werden eine Zeit lang aufhören.» wenn' der Winter der leeren Blume daS Herz gebrochen. aber eS kommt der Frühling wieder. Ückerwieder, der Dir den schönen Kran; abermals um daS ehrwürdige Haupt ftgr .... Und nun.frage' ich Euch. Israeliten. ist mein Becher auS Jerusalem, gefüllt mir lebendigen Blumen, nicht ein' Bild Israels? Ja. Israel ist der teste Marmelstein auS Jerusalem, losgeriffen von der uralten Heimatb, durch die Wüste, über Meere. Berge und Ebenen gezogen -—aber der Pilger bat neue Heimatb gesunden, wo Liebe und Achtung ibm nicht gebricht — And mit stL brachte er Erinnerungen und Svmbole, die er niemals läßt. r:e auf immer mit ibm verwachsen, stnd. Und dennoch, wie dieser Decker Jabnauseore alt ist. Jahrtausende dauern wirr, und 'dennoch die Blumen der Zeit. daS friscke Leben deS Augenbstcks. die Erzeugnisse der Gegenwart to sich aurgenonyjun und in feinem Kelcke tragt, ebne daß. er stch mit idnen identinciri »unk im Wesen veremigk — so auck .Israel. Zu.aller Zeit, in Griechenland, in Ron:, m Spanicu -und Italien, in'onders aber, in unsrer-Zeit, bat ee Tbeil genommen am Leben der, Gegenwart. an den Erzeugnisse«, am Wirken und Weben der Zeit., hat ste getragen, t>u stch d'.mit geschmückt, ebne stch selbst daran aufzugeben, uc immer von stch rbuenr, wenn stewelk geworden, neuer BlütbereN enkgegensebend. So. mein Israel, warst Tu m Deinen schönsten Tagen stets der un» erschüttcrliche Marmelstem. zu welchem Dich Dein Gon und Schöpfer gemacht^ iestbalkend die Lehre und die Svmbole. die Trr die göttliche Vorsehung gegeben, aber mit immer frischem unk verengtem Leben geschmückt, nickt abgestorben der wechselnden Zeit, nicht abgeschlossen von ibren. auch noch so stückligen Blütben, auch Werken unsres Gottes und feiner Fürsebung. Aber darum sehet Euch wobl den Becker mir ftinen Formen und Blumen an, ibr Israeliten unsrer Zeit .... Wie Viele ^nv da, welche'nur am die Blumen schauen, welche glauben, .daß ste nur für diese Kinder der Gegenwart, bestimmt seien, nur Blumen, nur Erweis! '^.Blumen — ach,, und kurze Zeit, dann haben ste'-': 'Staub und übelriechenden Mover in der Hand; viele Z^sjea, dit allein in dem' rasch pulsirenden Leben der «. 'zaelNvart, »ir ibren kurzzeitigen Erzeugnissen, mir ihreni'Archtstnn und ihrer Genußsucht leben wollen, und jede andre Mah. nung verachten, oder von stch weisen .... Und da stnd I? Albere wieder, welche nur den steinernen Becher wollen, schwarz und unscheinbar, als ob die Vergangenheit nie» malö lebendig gewesen, als ob wir nur unter Grabmälern und Trümmern zu wandeln hätten. Wie? weil dieser Becher von fernes geheiligten Stätten spricht, weil er mir große Lehren, erhabene Sprüche de- Herrn zuruft, von wunderbaren Thaten und Gerichten, von mächtigen Opfern ^unv Erfolgen berichtet, weil er mir sagt, worauf Israel gegründet, und aaSgebarrl, und leben geblieben, ^worauf wir stehen, gestützt und geschützt, aber sehr ernst und mahnend, nicht ohne Trauerklänge und SchmerzcnSrufe — darum sollt ich nicht achten auf ihn? Und wie? weil da ein Rosenblatt mir welk auf daS Papier gefallen, gestern entfaltet, heute verdorrt: darum sollt' ick die Rose nichr achte«, dieses edle, glänzende Kunstwerk VeS Herrn, ein leuchtendes Gebilde seiner «chöpsungS» kraft? .... Nimmermehr ... Du bist mir ein hoher, erhabener Sckatz. Becher auv Jerusalem — und die Blumen darin voll Schöndelt und DufteS! . . . Dari ick nun mir Großem Kleines vergleichen: so erscheint mir kie'es ..jüdische Volksblatt" auch alS ein jsol» cher Beck.r von Marmelstein auS Judäa, gefüllt mit frischen duftenden Blunien .... Was wir hier bringen, gekleidet in die schöne, deutsche Muttersprache und ihren farbigen Glan;.-stnd reck nur Erzeugnisse Juda'S, sfi nes Geistes, seiner Geschichte, seiner Verhältnisse. Es stnd 'i.ur Blumen, gepstückt bald aus den Fluren der Vergangenheit. aus Schrift. Talmud. Midrasch. Rabbi-- nen, bald aus den Beeten und Rabatten der Neuzeit. Aber alle haben einen ernsten, bedeutenden Zweck — ste stnd in den Becher auS Jerusalem grthan. Sie sollen die Kenntniß des JudenkbumS erhalten, sollen die Freude am Jndenlbum beleben, sollen die Treue im Judenlhum festigen. Das sollen ste. Und wenn wir nicht ganz-falsch unterrichtet stnd. tbun ste eS auch unter den Bedingungen ihrer Natur und ihres Vermögens. Sie sollen ja nur Blunien sein; keine Grundsteine und Säulen And Capitäler, keine Lehrsäle und Hallen. Nur Blumen im Mar morbecker aus Juda .... Woblan. Leier! Wir schließen den zweiten, wir beginnen den dritten Jahrgang. Diejenigen, die stch von uns nicht befriedigt 'suhlen, mögen uns verlassen. Aber Alle, welche Gefallen gesunden an diesen Blättern, welche darin ..Belehrung und Unterhaltung" suchten und fänden, welche den schönen Zweck derselben zu würdigen verstehen — Alle diese bitten wir, nicht'bloS uns treu zu bleiben, sondern auch für die Verbreitung zu wirken, neue Tbeilnehmer. zu werben. Wir fordern Dies. auS dem Zwecke heraus, dessen wir unS bewußt stnd. und der sehr Bielen ebenfalls Zweck sein sollte. DaS „jüdische BolkSb^all" bar eine weite Verbreitung gefunden. eS wanverk durch alle Länder, bis über den Ocean hin — aber doch lange noch nickt die zahlreichen Abonnenten und Leser, die wir.erwarteten, und welche unS für unsere neue Müde- —alkung durch ihre Theilnahme, befriedigen. Dafür können wir aber auch im neuen Jahrgang eine Fülle neuer Arbeiten verbeißen, namentlich eine Reihe von gehaltvollen Erzählungen und pikanten Schilderungen, die für die kommenden Winterabende eine eben so angenehme wie lehrreiche Lectüre schaffen werden. Tie Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.