Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 44 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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175 Da aber waren meine Kräfte ^zu Ende, ich fiel in Ohn» mach», und lag lange Zeit bewußtlos. All ich erwachte, befand ich mich in einem reinlichen Bett in einer kleinen, geweißten Schlafkammer. Kaum daß ich mich bewegte, kümmerte sich eine ältliche Frau um mich, reich.« mir zu trinken, und rieb mir die Schlafe. Aber ich verfiel in ein hitzige- Fieber, und schwebte lange Zeit in Todesgefahr. Wilde Phantast«« umgaukelten mich, all' die Schrecken und Aengste, die mich in meinem Leben überkommen waren. kehrten zurück und wechselten mit einer unbegrenzten Oede, in die ich ohne Halt und Ruhepunkt verflog — nur dann und wann trat beruhigend di« Erscheinung eines jungen Mannes dazwischen, den ich nicht kannte, der aber meine heißen Hände faßte und hielt, einmal sogar seine Lippen auf ikeine brennende Stirn drückte, was mir unendlich wohl thal. Auch bemerkte ich bisweilen die alte Frau in flüchtigen Augenblicken an meinem Lager und über mich gebeugt. Wie lange ich so schwer daniederlag. weiß ich nicht. eS mochten mehrere Wocken fein, allmä» liz ward eS in mir ruhiger, ich erkannte meine Umgebung, ich wurde meiner Lage inne. ich sprach mit dem guten alten Weibe, daS mich pflegte. Seitdem fab ich aber den jungen Mann nicht mehr, und da ich mich scheute, danach zu fragen, hielt ich ihn für . ein Geschöpf meiner Einbil. dungSkraft. Langsam erholte ich mich; man sorgte für mich auf'S Beste, auch ein Arzt besuchte mich von Zeit zu Zeit, und war mit den Fortschritten meiner Genesung sehr zufrieden. AlS ich mit meiner Ohnmacht die HochzeitSfteude so jählings unterbrochen, hatte die gute Frau, eine Wittwe. die von ihrem edlen Sohne erhalten wurde, welcher durch seinen Handel sie und sich ganz ernährte, erklärt, mich bei sich ausnehmen zu wollen, was den andern HochzeitSgästen freilich sehr wohl gefiel. Endlich konnte ich daS Bett verlassen, unh als ich nun das Wohnzimmer betrat, fand ich dort den jungen Mann leibhaftig, den ich in meinen Träumen gesehen, den von einer länger« Geschäftsreise zurückgtkebrten Sohn. Auch er kam mir freundlich entgegen. AIS ich nach gerade zu Kräften wieder gelangte, nahm ich mich sofort der Wirchschaft emfig an. und unterzog Mich allen Diensten, die ich verrichten konnte. waS der alten Frau zu gefallen schien, da sie hinfällig war. so daß ich ihr nach und nach alle WirthschaftSarbeiten abnabm. Wenn ich daher vom Fortgehen sprach, so erhoben Mutter und Sohn den lebhafte, firn Widerspruch, und wiesen auf den Nutzen hin, den ich ihnen leist«. Und ich blieb' gern. ES. war ein Friede« in diesem Hause, ein Geist der Ruhe nnö Sicherheit, eine stille, thätige Liebe, die mir armen Wanderin, welche den Frieden, und die Liebe noch nie gekostet, unendlich wohl tbar. Don früh bis spät waren eS Feierstunden, die ich verlebte; wenn Samuel, so hieß der Sohn, entfernt war. so sprach die Mutter unaufhörlich mir mir von ihm, und Alledrehte sich darum, ihm zur Wiederkehr etwa- Angenehmezu bereiten; und wenn er .wieder zu Hause war, so galt eS. ihm den Aufenthalt lieblich und werth zu machen. Ach! und er vergalt Alle-, waman für ihn rhat. mit fo liebevollen Blicken, freuadlichm Worten und wohlthätigen Werken? Meta früherer Begleiter hatte in höchst undankbarer Weife, als ich krank fortgetrage» wurde, mein einzig,- Befltzthum, weine Harfe, mitgeftommen. und sich nie wieder blicken lassen. Nachdem ich einige Monate bei der Wittwe gewesen, und unser heilige- Neujahr-fest einttat, da hatte mir Samuel auf meinen Platz ein käst« liche- Instrument gelegt, welcheer von einer großen Stadt hatte kommen lassen. Run war edie Abende unser Aller Vergnügen, daß ich die Harfe spielte und sang. So ging der Winter vorüber — der glücklichste meine- Leben-. Der ^rsthling kam. Der Garten hinter de» .. Häu-chen fing an zu. blühen, da- Wäldchen um da- ’ Städtchen belaubte sich, die Nachtigall schlug in den Gebüschen. Alich eine- Abendmit der Gartenarbeit fertig war, und an dem Gartenpförtche« stand, daauf- Feld und,in den Wald führte, und hinausblickte, wo die Sonne prächtig unterging, stand plötzlich Samuel hinter mir; ich erschrak. Er faßte meine Hand und sprach: „Ist daherrlich!" indem er nach der untergshendeu Sonne wie-. Ich antwortete nicht-,' meine Han,d zitterte, in der fernen. ..Und doch ist etwanoch viel herrlicher! — wenn sich zwei Herzen verstehen, die sich lieben, über Alles lieben . . „ Ich verstummte, meine Wangen brannten wie Feuer, meine Atigen sanken zu, meine Hand glitt aüder seinen ... Er sah mich lange an, dann faßte er abermals meine Hand , und sagte — o, ich-h-re . den Ton noch — ..komm', liebe Esther, zum Abendbrot" . . . und ich entzog ihm meine Hand nicht. DaS Mahl ging ganz in Stillschweigen vorüber, und gleich darauf sagte ich gute Nacht, und schlich mich auf meine Kammer. Ich legte mich nieder — aber elitt mich nicht . lange auf dem Lager, in der Kammer, ich kleidete mich t an, un/o ging leise hinunter, um im Freien noch etwafrische Luft zu schöpfen. Mein Her; klopfte zum Zerspringen, Tbränen, aber nicht bittrer Art, füllten meine . Augen. AlS ich vor dem Zimmerfenster, dain den Hof hinau-ging, vorübereilre. hörti ich Samuel mit der Mut» . rer sprechen, börle ich meinen Namen.wiederholt nennen. 1 Wie eine unbekannte Macht hielt mich fest — ich hörte, t wie Samuel dringend und immer dringender die Mutter bat, mir feine Hand reichen-zu dürfen, wie aber die Mutter fest und unwiverrufiich fest entschied, daß'sie nimmer und nimmer eine, wenn auch gute, aber doch „hergelaufene" Person, deren Eltern Strolche gewesen, zur Schwiegertochter sich gefallen lassen würde; früher oder später würde mein herumschweifrnde- Wesen wieder zum Vorschein kommen: früher oder später würden sich die größten Unholde almeine Verwandten einstellen; die Ehre ihre- HauseS würde geschändet; sie beschwor Samuel, von mir zu lassen, sie erinnerte ihn an seinen dem Vater auf dem Sterbebette geleisteten Schwur, sie aber würde sofort da- Hauverlassen. Al- Samuel gebeten und immer gebeten. aber dieselbe Antwort erhielt, verstummte er endlich, und ich hörte ihn stch niederlegea. Mein Loowar entschieden, mein Entschluß gefaßt. ES war ein schrecklicher Kampf in mir; alich, mein Bündel in der Hand, und die Harfe unter dem Adme. dknn ste war mein Eigenthum, über das keine eigennützige Mutter zu gebieten, da- Hauverließ, knieete ich erst nieder und küßte die Schwelle, d»e sein Fuß überschritt. Ach, in welcher Verfassung war ich. Alich über dft Brücke schritt, welche nahe am»Hause, war ich «inen Moment Willen-. mich und dix Harfe in den Fluß fallen zu lassen. Ich dachte an ihn — unv «hat enicht .... . Da habe» Sie «eine Lebensgeschichte, denn der übrige