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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 44 (1855) · p. Seite 174

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
44 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 174 (sequence 2)
Language
German
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A den b« reit Dal Mädchen fubr fort. Einige Jahre war ich bei de i gut^n Leuten. Es kostete ihnen ^nd mir unsägliche P ühsal r, ,g zu he umju or «orlit > Ä!es ü sie für immer von ihren unerschrockenen Gegnern!,'älke. ' i Esther Zaundorn. Voll M. 174 mich an regelmäßige Lebensart Kleidung. Nah- . gewöhnen, und immer blieb u»r.der Trieb, frei chweifen durch Flur und Feld. I Aber die außere Güte deS Mannes fesselte m^ch und ließ mich erwinden. Hier gewann ich denk «lud», wenn auch oh ie al en Unterricht, die ersten Eindr^lckd der Religion, in em «' die Gebräuche deS Hauses n^it großer Andacht un »'Wehe vollziehen sah. und diese i Eindrücke blieben un oerwis blich, beschäftigen noch heute o^eine Seele in stille, Stunden, und haben mich aufrecht Verhalten auf meine wild n. bewegten Bahn. Ach, wtnä Gott-sie mir ge rffen, wie anders wäre mein Leben geworden! Dabei ba >e ich spater erfahren, daß ich nur durch kleine Gaben de einze nen Gemeinveglieder erhalten w^rlje, die nach den erj en Monaten spärlicher, dann imme^ geringer stoffen, so daß i ach zwei Jahren sie ganz aufbörren. Aber die Kr,ge: r >aS nun? entschied das Verhünigniß auf seine W ist. iS kam jene fürchterliche Krankheit inS Land, we che ki ersten Male noch mehr Schrfckbn als Verderbe brach e. Meine Pstegecltern waren last die ersten, die da on er, rissen wurden; nach wenigen Stunden war ich verwaist. Ich batte sie gestegt mit aller Ausbietung meinet schwa ftw-Kräfte, baue bei ibnen ar geharrt, da Alle ne verlast:». Wenige Menschen getrareten sich in die Hi tte. ft nell 'wurden die'Leichen 'onge chleppl und ins Giab gen orsen: noch ,var dieses nicht eai^z zugeschaufelt, alS man chon davonlies. uns mich, d-rs noch nicht neunjäk rige Kno.. aut Grabe zurückließ. Z a stand ich denn, un schrie bis ich müve ward, mich -e>ne Leit lang ins Gl iS seyl . dann aussprang, und zur Stadt mich wandte. Ich trug licht, was aus mir werden sollte? dazu war ich no » nicht verständig genug, sondern nur. iper mir Abend« bnr gebe, sollte? denn mich hungerte schon. Ich kam über Schuf enplatz des OrteS, und da utat gerade Zehrtet markt ove. un St mit \ bei so erwaS. Als ich durch die die v rlen schönen Sachen angaffre. |iief mich eine mm.e: .Estherchen, komm 'mal her! " Es war ein Häidler/ien ich von Ansebn kannte, unf ich sollte ihm me rere X einigkeiten holen. Bereitwillig rhal ich «S. und da ick sein: Aufträge gut auSgeführl, j.ab er mir ein St ck Schwarzbrot, daS mir trefflich muudtete, und machte mii unter >em Budentisch ein Lager zur 4». Kurz. ohne datz ich uiq meine Einwilligung gefragt lno»ben. behielt er ch. Der Händler hatte mit ihr Ehe a lch kinderlos war, keine eigentliche Wohnstätte; ste gehörter zwar da und dahin, zöget aber das ganze Jal r von! ahrmarkt zu Jahrmarkt, und blieben dann die Sa'bathe, »der wenn die Festtage kamer, in der nächst, gel jenen 4 nüemde. Ich zog mit ihnen, mußte alle mög- Dieaste für sie thun, Boten laufen die Käufer an« Äuvenreihe ging sftner Frau, da rufen, aufpassen, ja manche Nacht ibre Siebensachen bewachen, mußte kochen und waschen, und hatte Habei die schlechteste Behandlung. Denn das Weib war sehr zanksüchtig, und der Mann zwar lange ruhig, ward'S ihm aber zu bunt, so brauste er auf, und schlug sogar manchmal tüchtig darauf los. worauf er eine Zeit lang Ruhe harre. Dann aber wandte stch ihr unterdrückter Zorn auf mich, und es setzte Schunpfworle und Stöße mit und ohne Veranlassung. Dabei gewöhnten stch Mann und Weib nach und nach den Trunkzan, den das beständige Kam« piken im Freien zugänglich gemacht, so daß ich. wie ich älter ward, dieses Lebens - überdrüssig wurde, und eS zu ändern beschloß. Ich hatte auf den Jahrmärkten Bekatnlschaft mit einem Künstlerpaar gemacht, und so gering die Kunst war, die sie zu üben verstanden, so war fie doch groß genug, um mich anzulocken, da ich eine große Lust daran verspürte, so daß ich in wenigen Mußeaugenblickrn stets dem Pärchen,immer nachgelaufrn. Der Mann spielte die? Harfe, und an bewohnten Orten, namentlich wo man ihii nich^ kannte, den Blinden, die Frau daS Tambourin. Längst .war ihr Wunsch nach einer kleinen Gehülfin gestanden, welche das Mitleid und Wohlgefallen der Leute mehr zu erregen befähigt wäre, a!S das gemeine, runzlige Weib, das dann in der Herberge blieb und für unS formte. Ich nahm jetzt den Posten bereitwillig an, die Leite staffirten mich ein wenig bunt aus, und da ich ein niedliches, zwölfjähriges Mädchen war, hatte ich in der Thal den besten Erfolg. Dabei ließ ich mich von dem Alten in der Harfe unterrichten, und bald vermochte ich das edle Kind zu spielen, welches den blinden Vater durch fein Harfenspiel. ernährt, worüber die Herrschaften bisweilen ganz in Entzücken gerierhen, und uns mit mancherlei Gaben erfreuten. So zogen wir lange Zeit mit abwechselndem Glücke landauf, landab, und ich befand muh ganz wo^l. Aber mein Künstlerpaar ließ stch eininal nach fremde» Gute gelüsten, und lhat dies bei günstiger Gelegenheit so geschickt,, daß es bald in hen Händen der Gerechtigkeit war. Dabei wurde lbr Verhältniß zu mir untersucht. und da ich ganz unbetheiligt gewesen, in Gnaden entlassen. Bei meiner erworbenen Kuirstfertigkeit hielt eS jeooch nicht schwer, ein neue- Unterkommen zu finden, da fich-Viele um mei»ie Beibülfe bewarben. Ich übergehe aber die nächste Zeit, da ste außer mancherlei Wechsel der Personen nichts Bedeutendes enthielt. Ich nähere jetzt de« achtzehnten Jahre, und das gütige Geschick hatte mich vor jedem ernsten Unfälle geschützt, waS bei meiner vagabondirenven Lebensart fast einem Wunder glich. Ta kam ich einstens in einem Lanvstävtchen an. als ich mit einem ältlichen Manne, zufällig unsres Glaubens, der die Flöte blieS, in Gemeinschaft war. Wir suchten eine jüdische Herberge auf. und wurden mit Jubel ausgenommen, da gerade eine Hochzeit gefeiert werden sollte, uno keine Mufik zu bekommen war. Bei dem Mahle spielten wir und sang ich, und da ich eine ziemliche Anzahl Lieder gut einstudirt hatte, auch selbst die Gabe besaß, kleine Liedchen zu machen und zu fingen, erntete ich großen Beifall. Nach Tische sollte getanzt werden; ich empfand mit einem Male eine große Unpäßlichkeit, Frost. Kopfschmerz, Brustbeklemmung. Trotzdem wollte ich den Leuten die Freude nicht verderben, auch den Verdienst unS nicht entgehen lassen, und fo bezwang ich mich und spielte bis nach Mitternacht.

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