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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 43 (1855) · p. Seite 170

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
43 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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Dat 170 Bald geht mit mir der Sonnekisjhein, Bald stürmt'» und wettert etz. daiein, Bald Frost, bald Gluth, ' Bald Staub, bald Fluth. Ein» kommet nach dem Anvern,: Wer wollt' sonst mit mir wandeln? Zst denn kein Vater, der mich h^lt? Kein Freunv in dieser ganzen Welt, Daß keine Ruh' ' Mir lächelt zu? Ich habe keine Stätte, Wer ist e», der mick rette? Lied klang ebenso lieblich wie trtzurig. und schien der Sängerin so aus dem Herzen zu fließ n, daß ich ganz htngerifen davon ward. Mit einer bedeutenden Gabe in der Har d eilte ich die Treppe dinunker. und reichte sie dem Fr uenziwmer. Mein Blick siel dabei auf ihr Gesicht, und ich konnte alsbald die Jüdin nicht -erkennen. Sie war nii»t mehr jung, bane harte Züge, einen durchwetterten - eint, nur die großen schwarzen Augen verlieben ihr ein gewisse» Interesse; sie war ärmlich gekleidet, und hüllte si ) in ein große», grobe», carrirte» lHuch, ihre Harfe war eii alte», gewöhnliche» Instrument. Sie war gescheidt t enug,. nach obigem Liede, dessen (Indruck auf mich fie woh bemerkt hatte, einige ähnliche Lieder jbmzuzufügen, ob .leich ich nicht dafür emsteben will, daß ibrer Hane stet» nr r keusche Gesänge entquillen. Mriae HauSwirlhin nöthigte sie in die Stube.b,rettete ihr a,/.meinen Wink einen Kaffee, und ich nahm Gelegenheit, hr Fragen über Herkom ien und LebenSschickfale vorzuletzen, und au» ihren Antworten, lieber Leser, stelle ich^ Dir Folgende» zusamm a. , Sie erzählte. Die Leute, die mich kennen, und ich bereife ait der Harfe nur ungefähr ein^n Umkreis von SO Me len, nennen mich Estber Zaundiorn. - Der erste Rame >t mein wirklicher, da mein Vatsr aber nur der „Lausitz g" hieß, so gab man mir den zweiten Namen von de« O te. wo man mich zuerst gefunden, i Meine früheste Erinnering siebt mich neben diesem meirftm Vater Berge aufm d abklimmen auf fast unwegsamen Pfaden. Ich ging ni ht gern neben ihm, denn mein Parer war jähzornig, und schlug mich beim.Geringsten, weng er auch dann weder feine Hitze bereue« und mir! All/Sigab waS er batt . Die» mochte denn auch -endlich meine Mutter von ih it getrieben haben. denn daß eint solche mit UN» gewand rt, erinnere ich mich dunkel. Gerade der Weg. dessen ib mich zuerst erinnere, war der^, 'welchen ich und mein 'later zum ^ersten Male allein ginge«: meine Mutter war .ku; vorher davon gelaufen, und ich sah sie nie wieder. £ b sie sich jemals wieder zu meinem Vater 'gefunden, n kiß ich nicht, denn wenn ich ebe« sag», daß ich mit me nem Vater zum ersten Male allein ging, so war e» auch zugleich da» letzte Mal. Ich mochte übrigen» schon sechs I bre zählen. Wir gingen durch einen dichten Föhrenwall , unv ruhten dann eine kurze Zeit, wo der.Weg an eine: furchtbaren Klippe vorüberführte, dir jach'in's Thal h nabstirg. Mein Vater gab mir eine Äinde Bror, die ich begierig zernagte und dabei dumpf in die wirren, wilden Berge blickte, di« drüben sich aufeinander gipfelten. Mein Vater ging mehrere Male an de« Rand der Klippe und sah hinunter — selbst damals fiel mir der Blick, mit dem er die Tiefe maß, auf. Aber e» mochte ihm doch vor derselben grausen, und ihm selbst da« Leben lieb sein, da» er führte. Endlich rief er mich, und wir stiegen in einem großen Umwege durch Wal' unv Schluchten in da» Thal hinunter. .Es war schrstal und kaum ein Pfad neben dem schäumenden Bache, der von Stein zu Stein, von Klippe zu Klippe stürzte.^ Dem Kinde machte wohl da» Spie! de» Wasser», da» Blinken. Blitzen und Plätschern Vergnügen, und e» wuchsen so viele schöne Blümchen am Rande, auch Erd- und Heidelbeeren am Berge, und e» waren schon reife darunter, roth und schwarz, die ich im Dorübergehen pflückte und in den Mund steckte. Aber' der Vater war grimmig und forderte mich zur Eile auf.-ler schien ängstlich, denn er schäme sich oft nach allen Seiten um. Wir mußten jetzt um eine Bergecke biegen, ein starker Wasserfall, dessen Rauschen ich lange schon gehört^ lag vor un», darüber verband eine Brücke für Fußgänger beide Ufer. An derselben Stelle stürzte aber von dem Berge recht» in starkem Falle noch ein Bächlein berab, und vermischte seine Wasser mit dem größer». Ich kenne die grelle wohl, mein Fuß stand späterhin oft aus derselbep, und niemals schritt ich über das Brückchen. ohne daß ivie Scene mir durch die Seele ging, die jetzt unser da warme. E» wird von,den Landleuten die ..Dreiherrenbrücke genannt, denn sensrits ist da» Gebiet preußisch, diesseits trennet der herabstürzenve Seitenbach die hannoverschen unv braunschweigischen Lande. Wir kamen au» den letzteren und standen eben an der Brücke; der Fuß meine» Vater» zögerte einen Augenblick, ob er hinüber ins Preußische, ober gerade aus ins Hannover sche schreiten sollte. Da trat plötzlich von Jenseits ein bewaffneter Mann auf Die Brücke, meinem Vater entgegen, und rief streng: „Jude, wohin willst Du?" Jener nannte den Namen eine» Ortes. „Zeig' mir Deinen Paß." Mein Vater zögerre. endlich da der Gensd'arm ihn grimmig ansuhr und schon den Arm nach ihm ausstreckte, holte mein Vater «in schmutzige» Stück Papier auS der Tasche; jener ergriff eS, las eS, und sagte: „Also Du bist der Lausitzig ... nun, laus nur. Jtzig, denn über die Brücke darfst Du nichts wenn Du nicht sechs Wochen bei Wasser und Brot im Loche fitzen willst ... Du bist in Preußen nicht heimisch. und ich habe strenge Ordre, alle vagabondirenden Juden, namentlich aber Dich, Lausitzig, nicht hereinzulassen , . . -„Wohin soll ich Venn aber?" schrie mein:. Barer. „Ich habe doch nicht» gethan, und auS dem Braunschweigischen hat man : mich mit derselben Trobung verjagt . . ." Wir sahen uns um, und gerade kam bfrt Weg, den wir zurückgelegt. ein Braunschweigischer Landjäger. und hob von fern schon drohend die Hand gegen meinen Vater. „Nun so lauf in'» Hannover'sche . . rief der Preuße bohnlachend, und warf ihm den Paß zu. ..He. Müller," fuhr er fort, „hier ist Einer, der will bei Euch 'rein ..." und auS dem Gebüsch vor uns wandte stch ein Mann in rvther Livree, und als derselbe meinen Vater erblickte, m.chte er ein grimmig Geficht, und hob eine'^roße Haseln ißruthe und geberdete fich wie toll: „WaS, sechsmal hade ich Dich schon über die, Grenze gebracht, Lausitzig, und Du willst wieder 'rein? Soll ich denn keine Ruhe vor- Dir haben? . . und er machte

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