Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 39 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
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155 mäßigen Lebensart anderder Fall sein mußte. Zwar blieb dawissenschaftliche Streben bet ihm vorherrschen»; dennoch versäumte er seine kirchlichen Pflichten keineswegs. Niemand celebrirte die Messe mit größerer Feierlichkeit aler; in seinen Predigten floß Wei-bei, von seinen Lippen, seine Stimme drang zum Herzen und ließ manche Thräne erglänzen im Auge seiner Hörer und Hörerinnen. 1 Diese wählten ihn vorzugsweise zu ihrem Beichtiger, als welch n er bei seinen Beichtftndern durch Milde, Sanftmuth und Belehrung Wunder wirkte. Bei alledem schien dem Kanonicu- Herroiaun der Ehrgeiz fremd. Zu verschiedenen Malen lehnte er höhere Würden ab und hatte keinen größern Wunsch, albizu seinem Ende in seiner Stellung zu verbleiben. . So erreichte er denn auch in derselben ein hohe- Alterl'und war geliebt und geachtet von Zung und Alt, von Hoch und Niedrig^ Bereithatte ein leichter Schlagansall eine An. deutung gegeben, daß er sich dem Grabe nähere, alzum ersten Mal eine Stimme gegen ihn laut wurde, die aber bald durch die Entrüstung aller Andern zum Schweigen gebracht wurde; man schenkte ihr um so weniger Glauben, al-, eeben nur die Stimme einer Wäscherin war. Die alte El-beth, welche da- Stift bediente, war früher eine der eifrigsten Verehrerinnen degeistlichen Herrn gewesen. Plötzlich aber war sie in ihrem Lobpreisen verstummt. „)a, ja, wenn nur Allerichtig wäre?" sagte sie oft nach der Predigt, und eine vornehme Nachbarin nahm sie darüber einst ins Gebet. Dieser gestand sie, daß st» am -kanonicuetwa» bemerkt hätte. „Seit , einigen Jahren," berichtete sie, „hat er in gesonderten Zimmern eine Katze und einen Hund großgezogen, und oft> schließt er sich zu ihnen ein und ich hörte ihn dort oft, wenn ich Wäsche zu holen oder zu bringen kam. in einer fremden Sprache beten. Latein ist enicht, dakenne ich am Klang. Einmal schaute ich durch- Schlüsselloch und sah ,ihn vor dem Hunde auf den Knieen liegen und mit verhülltem Haupte, die Stirn auf die Erde gedrückt, seine Gebete murmeln. Aehnlichehabe ich seitdem oft bemerkt; auch bei der Katze. Seit er aber jüngst den Schlaganfall gehabt hat, hält er sich auch noch einen Hasen und eine Mau-. Nun, wasagt 3hr dazu? Wozu daS?^' „Hm, eS ist sicher nicht-sagte die alte Dame, doch ein wenig bedenklich, „aber schaden könnte ein keinem Falle, wenn 3hr eS gelegentlich Eurem Beichtiger mittheilen wolltet." Einige Tage darauf erhielt der Kanonicu- Herrmann einen Besuch de- Pastor-, der seinem frühern Gönner im Amte gefolgt war. Dieser brachte wie von ungefähr die Rede auf seine Thierliebhaberei, .von der er gehört haben wollte. „Ich merke," lachte der KononicuS, ,.^e El-beth, die alt und schwach zu werden anfängt, hat mich bei Euch verklagt!" Dann erklärte er seine Liebhaberei atss so natürliche Weise, sprach von den Eigenheiten der Thiere, die er mit Sorgfalt, gewissermaßen mit Studium beobachtet hätte, so unterhaltend, daß dem geistlichen Genossen jeder Zweifel,, wenn er überhaupt einen gehegt hatte, darauf schwang. Damit war die Sache abgethan. El-beth, von allen Seiten zurechtgewiesen, schwieg von nun an; nur bas Kopsschütteln in der Predigt konnte sie nicht lass«. Der Kanonicuhatte zwei Schüler zu sich genommen. di« er aus seine Kosten erziehe» ließ und zum Thell selbst in di« Wissenschaften einführte. Eine- Morgen» liefen diese bet d^r Geistlichkeit der Nachbarschaft umher, um ihnen anzukündigen, baß der Kanonicueinen neuen Schlaganfall erlitten habe und deiw Tode nahe sei. Sogleich beeilte sich der Pfarrer, ihm »je heiligen Sterbesakramente zu bringen. Aler mit den Opfern bei ihm einttat, fand er bereitda- Lager von Stift-genoffen und geistlichen Freunden umstellt, welche zur Tröstung Herrmannher» beigeeilt waren. Wie groß-aber war Aller Erstaunen,, alder Kranke die S.terbesacpamente zurückwie». „Ich verlasse diese Welt der Lüge und de- Truge-." sprach er, indem er sich auf beide Hände stützend mühsam zu» Sitzen erhob, „so tnöge denn auch in meinem letzten Augenblick der Wahrheit die Ehre werden. Wisset denn, trotz Eurer Taufe habe ich fortgefahren, »ls. Jude zu leben und gl» Jude auch will ich sterben." Staunen, Abscheu, Entrüstung erfaßte bei dieser unerwarteten Mittheilung nacheinander die Anwesenden, die zuletzt bei einigen mit Berücksichtigung der sonstigen Tugenden des Sterbenden in Schmerz überging. Sie flehten ihn mit Thrünen an, doch der Kirche, der! er Alles zu danken hätte, im letzten Augenblicke nicht dies« Schande anzuthun und der eigenen Seligkeit zu gedenken. „Nur im Glauben meiner Väter finde ich Ruhe und Seligkeit," war die Antwort. „Lauge habe ich mich vor dem Truge gesträubt. Rur die höchste Roth, der Hunger, nicht die Ueberzeugung trieb mich tn Eure Gemeinschaft. Damöge mir verzeihen der' Gott Jakob-, Isaak- und Abraham-." Auf- Neue drang man in ihn und suchte den christlichen Glauben mit denselben Grundsätzen zu vertheidigen, welche der Sterbende fd oft von brr Kanzel verkündigt hatte. „Meine Kräfte." entgegoete er, „sipd zu erschöpft, um mich mit Euch noch in einen Streit einzulaffen. Doch wozu der vielen Worte. ich arhnte die- Ende und ließ daher ein Gleichniß zurück. Schaut und urihellt selbst!" Damit entsandte er. die beiden Knabe», welche gleich darauf den Hund und die Katze in- Siermzimmer brachten,' worauf sie sich wieder entfernten, Hie Katze suchte sich sogleich irgend ein Spielwerk am Boden, während der Hund mit den Vorderpfoten auf die Decke sprang und dem Kranken die- Hände leckte. Gleich darauf brachten die Knaben auch die MauS und den Hafen. „Seht, diese Thiere," sprach Herrmann, „haben nie eindaandere oder von dessen Gattung gesehen. Alle viere waren von dem Tag an, wö^sie zuerst da- Licht erblickten, getrennt, so habe ich sie bi-Stunde aufgezogen, und nun seht, laßt sie lo-, ihr Kllaben!" __ Kaum ließ der eine Knabe den Häsin los. alder Hund, welcher schön gleich zu ihm hinaufgeschnobert hatte, seinem Instinkte getreu dahinter herfuhr, ihn erhaschte und zu Tode biß. Mit gleicher Begierde haschte, tödtete und verschlang die Katze die Mau-. Verwundert sahen die Anwesenden bald auf da- Schauspiel, bald auf den Kanontcus. Dieser bub wieder an: „Wie ihr seht, weder Hund noch Katze verleugnen ihre Natur, sondern bewähren fich vielmehr als Thiere ihrer Gattung. Dasselbe gllt auch von Dem, was dem Menschen angeboren ist. Mag ei»