Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 33 (1855) · p. Seite 131

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
33 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4908862-5999336-6000688--0487-4909219
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

131 für lässig tut Dienste deS Kaisergehalten zu werden, waren um so unerbittlicher, hielten um so strenger auf den Buchstaben demit Blut geschriebenen Gesetze-. Jirdeß schlug Einem unter ihnen doch da- Gewissen. Er kam zu meiner trostlosen Frau, die von Ethem zum An: Lern gelaufen, aber vor allen Thüren abgewiesen worden, tbeilte ibr da- Unheil mit, versprach ihr, d!ke Abreise de- Couriereinige Stunden'zu verzögern, uuh forderte ste aus. sofort nach dem Hauptquartier ve- Marschalls abzu» reisen, um da durch da- Flehen des Weibe- Und der Mutter Guave zu erwirken. Eine Stunde später fuhr ste mit Eourierpserden nach dem.Hauptquartier Regen in Strömen nieverqoß. ob der Sturm den Wagen ab. Ob der den kothigen, war und die wiederholt dem nahe brachte, oi» m unwegsa^E Ttrapen kaum ein Fortkommen fnrä^W^flen Stöße erschütterten — sti gelangte mu< iftq wuipfftiD an - Ziel7 Glücklicher Weise hakte der Marschall — ein Franzose — seine Gattin bei sich; bei ihr ließ ste sich melden. bei ibr rhat sie den bei ihr entfaltete fic alle Schmerzen, alle l sterung ihrer Liebe, und, stehe rsten Fußfall; aurige Begeiste stea» .... Die sich sofort zu Marschallin versprach ihr Fürwort, sie begal ihrem Gauen, sie legte ihm Alles dar, wir ich überrascht worden, wie der Flüchtige der Sohn meinet ÄohlthäterS. wie ste mit ihren Kindern grenzenlos unglücklich — kann führte ne meine Frau bei dem Marschall e n — ste umklammerte die Knire des Generals, ste minim« ihn an seine Siege und Heldenthaten, die dürch D t Gnade, die er erweise, den herrlichsten Lorbeer erhalten würdenkurz, sei es die erschütternde Wahrheit, s i eS, daß der Marschall es auch für weise hielt, in ven» Augenblick, wo die Heere des Kaisers Europa hinter sich, lassen sollten. Gnade zu üben — > er bewilligte nututr Gattin die Begnadigung unter der Bedingung, daß ich einen Ersatzmann für den Flüchtling zu stellen und zu elqiripiren habe. Meine Frau verließ vaS Hauptquartier ni^l. bevor sie die Begnadigung ausgefenigt erhalten, und -bschon ste seit zwei Rächten »ich! geschlafen, warf ste stch wieder in den Wagen und eilte zurück. Wieder war der Lag vergangen, 'wieder vw Nacht hernievergesunken — ich! hatte mich gefaßt, eine Stunde lag ich aus den Knieen im Gebet zu Gott, mich vorzubereiten auf das. waschön unvermeidlich schien — ich war mein ganzes Leben duschgegangen, tch hatte mir die Lehren meiner Religion zUrückgerufen. ich gedachte degroßen welrerlösenvei^ Wortes: „der Ewige, gnädig, barmherzig und voller Treue, Ver Sünde, Missethal und Schuld vergiebk —" und in! diesem Worte erhoffte ich Gnade vor dem .Herrn -zu finden — der mitleidige Wärter brachte mir Schreibzeug und Licht — ich schrieb an mein Weib, an meine ssinver, ordnete meine Verhältnisse — ach! eben schrieb ich mit überstießenven Thränen meinen unaussprechliches» Dank für so viele, so unbegrenzte Liebe »reiner Gattin, meinen Väter« lichen Segen auf die unschuldigen Häupter meiner Kinder nieder — da, da raffelten in ver riefen Stille der Nacht die Schlüssel im Schlosse meiner Pforte,' ich sprang auf, die Thür« ging auf. da- Licht quoll indie düstere Zelle herein, aber vom Licht ümgoffe» trat meine Lina ein, und „Gnade. Freiheit, Leben!" tönte e» mtr von ihren Lippen entgegen . , O Ihr Engel im Himmel, wenn Ihr seid, wie der fromme Glaube unlehrt — wie wenig seid Ihr zu beneiden um Euren ewigen Frieden — und Ihr, deren Glück ungetrübt und ungestört bleibt, auch Hr nicht — — den« solche Stunde, wie ich ste jetzt in den Armen »einehel-.> denmüchigen Weibed»»rchlebte, und als ich an ihrer Hand und durch ihre Thal wieder frei die Schwelle meine- Hausebetrat und meine Kinder an mein Herz drückte, die ich mit sterblichem Auge wieder zu schnurr» nicht mehr gehofft — ste wiegt Jahre von Leiden ganz, ganz auf, und, um ihretwillen mag man viele Tage überwundenen Leides nicht ungeschehen verlangen . . . Ach, wie fließt dabalb erloschene Auge de- Gleises" noch'voll ivehmüthiger Freude-und Erhebung in der Erinnerung.an diese Stunde über . ... r , Aber — meine Gattin fühlte di» Weben Vieser Zeit erst, als die Kraft, die ihr Seele und Leib gestählt, gewichen war. Sie neigte^ ihr schöne- Haupt, dazu welken begann, tiefer und tiefer./^Leser^ lqß mich nicht werter schreiten .... Tage/ Wecken. Monde vergingen — aber die Krankheit schritt vor, - wurde immer sichtbarer, ach! nock hoffte'»ch . . . Der Winter 1812/13 mit allL. seinen großen, schrecklichen Ereigniffen ging vorüber; der Frühling brachte meinem Weibe Erleichterung. noch einmal blühten ihre Wanqest aun Unser'König rief daS Bolk zu den Waffen. W» mußten aitSbarren. Die Völkerschlacht bei Leipzig wur-e geschlagen. ES war ein rauher Herbst; meiu Weib li t wieder schrecklich. eS war nicht mebr zu verkennen, ibre Ärust batte einen schweren. Stoß erhalten. Da nahten die p :eußischen -Heere der Festung M. ten. Sic gaben Befehle, Stadt zu entferne», und t Die Franzosen schickte» sich an. die Belagerung au-zuhal« Kranke und Schwache auder en Znrückbleibenden sich auf ein halbe- Jahr mit Proviant zu versehen. Ich fühlte die Norhwendigkeit. mein kranke- Weib vor den Schrecken der Belagerung-, '»vielleicht gqr ver Erstürmung zu schützen. Eine Jugenvsreunsin in ihrem Geburt-one erbot sich, ste und die Kinder gegen abgemessene Belohnung' auszunehmen. und ein treuer ^Gebülfe geleilere ste dahin. Welche Trennung! Wußten wir ob wir unjemal- Wiedersehen würden? Ob'nicht e ne Bombe meinem, ob nicht die sicher vorschreiteave Krankheit ihrem Leben rin Ende machen würde, blevor »vir ui - wieder umfeiffen könnten? ... Ach, ich stellte »nich stark, ich behielt ein lächelnde- Augesich». biS der Wagen fettrollte, der älle meine. Schätze dahinführte . : . dann ic.irf ich mich verzweistung-voll aus den Divan, aus dem ste zeruht .... Die Stadt wurde em, cernirl — schrecklich, alle^Verbindung hörte aus — ist eriuhr acht ganzer Wochen nichts mehr von ven Meinen J . . . die Sicht kapitulirte, die Uebergabe sollte am . . . geschehen; tch erhielt drei Tage zuvor die Erlaubniß. diel Stadt zu verlassen ... ein Eilwagen sühne mich von! dannen. Aufi der ganzen Reise wuchs die Angst, die mir das Herz snrchlbar zusammenschnürte ... ste war nur zu gerecht --am andern Tage kniete ich zwischest meinen, in Trauer gekleideten Kindern ««Grabhügel vier Theuern, die schon drei Wochen darin ruhte, in der krampfhaft geschlossenen Faust ihr Abschied-wort an mich. daS Liebe, Lieb« ntbmete Wie. ich angekommen, wie ich die jranri-e Kunde vefr nahm, was ich empfnniden, gesagt, gethan. ich weiß e< nicht, ich habe es ni, gewußt-- meine Erinnerung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.