Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 33 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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130 nlcu&tctrll fl i-schäftszimmer. Da trfjnntr ich idn 6rim fcfUftt Kerzen icht. „Um Gotteswillen. (Suftavjritf ich, „was ist Zbnm? wo kommen Sie her? . . . . 1 .Zch will r§ Ihnen schnell berichten ... ich^ komme. Hülfe, RettUt g von Ihnen zu erbitten — ebafidelt stch um mein, un der Meinen Wohl unv Glück . . \ ..Wie so. Gustav, schnell, was ist geschehen?!. ..Ich vib es Ihnen mit Einem Male sagen:^ ich bin von den Fra izofen aufgehoben und. um in ihre Armee zu ^treten. ins Depot gebracht worden .... ich >süll den Feinden des Laleriandes dienen, es unterjocht ju erhalten, ich,'der einzige Sobn, die einzige Stütze meiner beklagten Mutt, r, soll mit nach Polen und Rußland ziehen, um auch hie vaS französische Joch aufrickten zu helfen ... das konitte ich nicht erttagen; vergebensuchte ich auf dem Marsche zu entwischen; alS ich beute vor ein« Stunde aut die hiefi;e Mairie abgelwsert ward, fühirelich; daß der letzte Äl genblick der Möglichkeit gekommen ^ei; unter einem Vorn ande trat ich auS der Refbe; Anfall unv Duisselh'kil I egünstigtenmich: ich entkam, ich entrann, ich wußve »ber, da ich bald Verfolger hinter mir hörte, keine» andern Raid, als daß ich in'die enge Schlupfgaffe duschte, von welcher auS man durch das Hinterpförtchrir inHbr HauS gelangt . . . Woblay. hier bin ich, liefern ^ie mich meinen Todrnnden auS, ocher. wenn die Versichei »ng der Ergebenheit und Dankbarkeit, die Sie einst wieder olt meinem verstorbenen Vater gegeben, eine Wabrheic »f . sichern Sie' mein weiteres Entkommen . . . was Hab i«>, zu erwarten? ..." „Was r»e zu erwarten?" -antwortete ich nach einer kurzen Pau t, mir erwas blnerm Tone. „Sie haben zu erwar;en, d ß ich Sie'nicht auSliet'ere, aber daß Sie mich und die Minigen in Zhr Verderben mit binciirftißen ... " Der iut g« Mann wollte sich entfernen.; „Bliibe i Sie." rief ich ihm mit entschlossener Stimme' zu, ..ich ba e Ihrem Varer, der »nir die erste. Summe;u meiner Nie ^laffung in vre Hände gab im&j mich förderte, wie r nur konnte, zu viel zu verdanke-, und habe mir Ihrer lugend zu viel Mitleid.. alS daß . ich Sie so gehen lasser wollte. Seien Sie still, ich will Nachdenken, wie wir u» S helfen . . . '! Bald l arte ich meinen Plan gefaßt: Ich sühne den Flüchtling luf den obersten Boden veS Hauses., unö verbarg ihn l ter unter einem Haufen alt,, Papiere'so, daß er schwer u. finden, unv doch nicht ersticken konnte. Ich stieg wieve hinab, verbot der Magd auf'S Strengste. von dem Krem en zu sprechen, und tbeilte mtinfcr Krau daS Geschehene mit, da sie jeden Falls um die Verpflegung deS jungen R nneS wissen mußte. Wir waren sämmtlich in der größter Beforgniß .... und nur zu bald sollte sie sich alS begrüi bet erweisen. Um Mitternacht ivurve an die Pforten d s Hauses geklopft und im Namen, de» Gesetze- Einlaß be lehrt. Al-bald wurde das ganze HauS besetzt, und Jedet von uns in die Räume gesperrt, in denen er sich gerad« befand. ES wurde die genaueste Haussuchung vorgeny» »en. aber RichlS gefunden. Mein Schützling mußte sich doch in seinem Bersteck nicht stchqrgegjlaubt haben . er {atte eine Spalte in den Bsdenwäaven gefunden, hatte sich hindurchgezwängr, war in den Nachbarhäusern in gleiche' Weise glücklich gewesen, hatte i, der Kammer irgend ei e» Dienstboten Kleider gefunden Und angethan, und unter dem Schutze derselben am andern Tage glücklich auS jenem Haus,. auS der Stadt und nach langem Umherirren mit Hülfe einepreußisch gestnnien Bauern über die Grenze und nach Berlin gekommen, wo er geborgen war und 1813 in ein preußische« Regiment ttar. Dies Alles erfuhr ich natürlich erst später. Obgleich man in jener Schreckensnachl des Flüchtlings nicht habhaft ward, so batte man doch zu genau erkundet, in welches HauS er sich gerettet, man gewahrte auch die Spuren d,S WüblenS in den alten Papieren, aber, was das Schlimmste war — man inquirirte Zeven von uns einzeln auf's Schärfste — unv bald gestand die in Furcht gehetzte Magd Allewosie wußte, uod vaS war allzuviel. Ich wurde eingezogen, und um 1 llhr in der Nacht schon befand ick mich in einem kleinen eiskalten Kerker, in welchem ein Bklnvel verfaulten Strohes Allewar. waS sich mir zur Beauemlichkeil darbot. Ach! für meine Person war mir kieSsehr gleichgültig — aber mein armeS Weib! ich wußte, in welcher tövtlichen Angst, in welcher erdrückende» Befürchtung sie fein mußte .... Ich ward von der Außenwelt gänzlich' abgeschlossen. Schon am andern Morgen waro ich verhört und — verurkbeilr. Alles sprach gegen mich, ich batte einem kaiserlichen Rekruten zur Desertion verbolfen — der Tod. durch die Kugel sollte mein Loos sein .... Der Schlag war so plötzlich und so in voller Heftigkeit auf mein Haupt gefallen, daß ich wie betäubt dastank. ich war mir deS Umfangs-des Ereignisses gar nicht bewuß:. ich fühlte mich vernicklet, und vlefe Vernichtung ließ weder Widerstand, noch Verzweiflung zu. Ick trug, ob ich nicht meine Frau ftben und sprechen könne — eS wurde abgeschlagen, biS das zur Bestätigung dem nächsten MarfckaU zugesandte Unheil zurück sei — eine Stunde vor der Ausfübrung würbe sie zu mir gelassen werken ... Meine Gesängnißrelle >war etwas beauemer eingerichtet worden, ich lag bttaubk, kaum eines Gedankens fähig, auf dem barten Lager ... ich, der ruhige, pflichttreue Bürger, der niemals-auch nur mit Einem Menschen einen Streit gehabt, sollte den Tod eines Verbrechers sterben, unv »nein geliebtes Weib und »neine kleinen, angebettten Kinder geschändet und veS Verfolgerberaubt, zurücklaffen .... wie könnten Werke die Gefühle schildern, die n;ein Herz verödend, sengend, wie Wüstenbrand. durchzogen -- mein Leib fühlte keinen Hunger, keinen Durst, unv doch klebte mir Die Zunge am Gaumen . ... So sank Die Sonne, so verging die Nacht, langsam, ohne daß ich die Zeit verrinnen wußte .... daS spärliche Lickt drang wieder in daS vergitterte kleine Fenster meines KerkerS, kein wohlthäriger Schlaf war auf meine Augen gefallen; die Sonne stieg herauf, ich merkte rS nicht, die Pforte der Zelle öffnete sich, der Wärter trat mit dem kärglichen Frühstück herein; ich erhob mich etwas und stammelte: ,,wie steht es?'' „Heute entscheidet eS stch'. . . sprach er mit einem wehmülhigen Blick und entfernte sich. Die Männer, welche mein Haus untersucht und mich und meine Leute ivguiritt hatten, die Richter, welche daS Todesurtheil über mich ausgesprochen — es waren Deutsche im Dienste der Fremdherrschaft. Und dieS war schlimm fiir »ich. Denn gerade diese, theils weil der Renegat gehässig ist gegen den Treugesinnten, theils auS Furcht,