Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 33 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4908862-5999336-6000688--0485-4909217- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdisches BolMlatt. Zur Belehrung und Anlerhallung aus jüdischem Gebiete; Herru«gegebrn von *—* . j Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Magdeburg. sNo. zz. 18S3.I n-ntttf 1 Bon di,s< r Zrin'ck-rifi erscheint »öchentlich eme Nuvimrr. Breit kr« Iadrc .-zknimrifi cciotinr »poxmii® fmr wunimcr. qjitl* re» ^aor* r A & i. A ja , t i Iblr. BierteljLdrig?'/, »*t. «U, Buchdontlungen. »cftimier '§Ahf4 51. OnflUflll 1 und zeitungtexvedinouen uebmen Bei»ellun«en an. 1^‘y^»!)* fefl(Uuiifl(n an. etn Wohin wir es bringen wollen? Dahin, daß jeder Jude es sich zur Ehre schätzt, Jude zu sein. Das Gehöfte. Einige Sceurn auS meinem Leben. Bon Ludwig Schragge. 3. „ES ist eine Mühsal unter der Gönne," sagt der weise König, „dem Tinen giebt es Goit. aber nicht eS zu genießen." — Aber eine andere Mühsal ist eS, daß dem Tinen oft Vieles gegeben^ aber auch wieder genommen wird .... Ich frage Dich. ,qen Erfahrenen und Herzen-kundigen. ist eS schlimmer. Etwas nie besessen, oder gehabt und wieder verlören zu haben? . . . Doch nein, nein! ES ist besser, auf den Trümmern der Vergangenheit zu stehen, als in öder, nackter Äüste . . Hab' ich doch noch die bittersüße Erinnerung — ujtfc die Hoffnung, es wieder zu finden. I Ach, so begleite mich abermals! nach dem einsamen Gehöft am Saume des Föhrenwalöes; diesmal ist eS nicht theilS Mißgeschick. »Heils Glücks waS ich da fand — eS ist nur ein Trauerflor darüber gebreitet . . . Ich lebte sehr glücklich mit mrister Lina! Niemals, niemals trübte die mindeste Zwietracht unser Glück; nicht von Erkalten, ja nicht einmal von Äewohvnverden konnte die Rede sein — wir waren unS irbmer neu, immer zu wahrer, lebendiger Wonne; unsre Gebanten stimmten überein, unser Wille war stekS derselbe. I Ich habe niemals begriffen, wie unter den Menschen dve Meinung aufkommen konnte, daß der Ehestand minder voll GlückeS al» der Bramstand fei; ich habe eS Schillern nie vergeben, daß er auf so täppische Weise sagen konnte: „mit dem Gürtel, mit deo^ Schleier reißt der schöne Wahn enliwei" —- im Gegentheil. jeder Tag meiner Ehe knüpfte das Band enger zwischen Mir und meinem Weide-, legte Fäden den Fäden zu, um das Gewebe unsre- Lebens dichter und unzerreißbarer zu machen. Kurz nach unsrer Derheirathung erlitten unsre Heere jene schrecklichen Niederlagen, wie fie in Preußen- Geschichte nur einmal verzeichnet sind. M., eine Festung, fiel in die Gewalt des Feinde-. und blieb auch im Frieden von dem bisherigen Daterlande getrennt u^d war einem neuea Reiche und einem andern Herrscher zugeseltt. Es sind seitdem viele Jahre verflossen, aber ich weiß eS nochsehr wohl, wie viele Herzen damals in wild« Wuth entflammten gegen den Mächtigen, der nach Willkür über Länder und Völker versiigte, 'als ob sie Maschinen waren. Und merkwürdig. obschon wir Luden unter der Fremdherrschaft unbedingte bürgerliche Gleichstellung genossen, ja der neue König aste, mögliche . Fürsorge für uns traf, obgleich wir so mit Einem Schlage aus allen Unbillen und Befchrän- ~tiutgtn erlöst waren — gerade die Juden liebten heimlich daS verlorene Vaterland außerordentlich, und, sei'es, daß fie noch nicht recht zum Bewußtsein dessen, was fie gewonnen hatttn, gekommen, sei eS, daß sie nicht glauben konnten, mit dem alten Daterlande würden die alten Ausschließungen wieder kommen — worin sie sich allepding» täuschten — fie hielten fich für verpflichtet, Alles, loas dem alten Herrscherhaus? nützen könne, zu thun. Jndeß war damsls die Zeit nicht, wo der Bürger sich mit dem.Munde verdrängte, sondern man schloß seinen Kummer in sein Herz ein und hoffte auf desftrei^eit. Ich lebte mit meiner Lina und den Kindern, die sie nir schenkte, eingezogen, nur dem Geschäfte, daS iw_den Kri gslausten so schwierig genug war. und dem häuslichen Glücke unS widmend. Ach. ich gehörte nicht zu Denen, we che, was ihnen. Gott Großes gewährte, nicht zu schätzen vis» sen,, ich hatte d<S Schlimmen zu viel erlebt in me nen > jungen Jahren, als daß ick nicht mit -jedem Tage) mit! jeorr Skunv, hätte geizen sollen^ in der ich ein so re nes 1 Glück genoß. Warum Äkftd e-nur so kurze Zeit währen?! Vielleicht war esl!^Wß, um dauernd zu sein .... Mein Weib fing an zu kränkeln.. Sie hatte ihre drei Kinver. selbst genährt. DieS hatte ihre B'rust angestrengt. Sie begann zu husten; bald wich der Husten, bau» Lehrte er wieder. Der.Arzt beruhigte darüber. — Tine» Abends faßen wir im . Wohnzimmer ttaulich zusammen. ES war im . November, .rnft draußen herrschte ein gar schlimmes Wetter. Wir aber waren in bester Stimmung; ich hatte de- Tage- Last und Arbeit abgetban. ein gute- Geschäft gemach», und spielte milden Kindern, deren ältestes, ein Knaör, schon mit einem Dilderbuche beschäftigt war. Lina saß auf dem Sopha, in ein Tuch gehüllt, denn ttotz de» kniltetnden Feuer» im Ofen fröstelte fie etwa». Da kam die Magd herein, und meldete einen Fremden, der hastig, vom Regen triefendvom Wind zerwühlt, mich zu ftrrechen verlange. Ich ging hinaus and geleitete jenen in mein «och 1