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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 32 (1855) · p. Seite 127

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
32 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 127 (sequence 3)
Language
German
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Zeit. Aber hinter.ihr stand eine Gestalt^! groß, blühend, schön, edel — ich kannte fie nicht, ich ahnte eS aber, fie reichte mir erröthend die Hand, eS war Pna, die ich als achtjährige- Lind verlaffen, als zwanzigjährige, herrlich entfaltete Jungfrau wiederfand. Ach, Lalv hatte ich mehr in ihr gefunden, als die Eoufine! .... Ich fand den Handel der geliebten Tante so zusammengesunken, daß e» nicht der Mühe werth war, ihn zu halte». Dazu kamen die KriegSläufte, die plötzlich über unser Vaterland hereinbrachen, und den kühnen Eroberer,. welchem bis jetzt Niemand widerstanden, bis dicht an unsre Grenzen gebracht. Einige Tage später stand ich mit Lina vor der Mutter, um ihren Segen bittend — ach, wie glücklich war sie. ihn un» zu erlheilen, wie glücklich wir, ihn zu empfangen — eS war eine schöne Stunde, und die Geister M OhmS. deS DalerS, der Mutter umgaben unS .... ES wurde bestimmt, daß ich nach Hause zurückkehren, die nöthige Einrichtung treffen sollte, daß die Tante ihre Habe bestenveräußern, und dann mit Lina zu mir nach M. kommen sollten, um dort die Hochzeit zu feiern und fortan zusammenzuleben .... Wohl hatte ich bald meine Vorkehrungen getroffen, aber schwieriger war eS der Tante geworden, und fast ein halbes Jahr verflossen, ehe ste zur Abreife geschickt war. Nun war ich von M. hierhergeeilt, denn hier, im einsamen Gehöft, sollte ich die Geliebten erwarten, um sie nach der neuen Heimath zu führen ... Du weißt nun, lieber Leser, warum ich so sehnsüchtig, so verlangend hier weile, warum ich da» Ge- Höft geschmückt, warum . . . halt, rdllt da nicht ein Wagen über den holprigen Waldweg, jetzt, jetzt in die Pforte, ich springe auf, entgegen, sie sind'», ste Knd'S ... Gott segne ihren Eingang-- Lina und die Tante lagen in meinen Armen. „Nun soll unS Nicht» wieder trennen!" Ich führte fie in daS Zimmer, fie sollten sich einige Stunden von den Beschwerden der Reise-erholen. Wie über ascht waren die geliebten Wesen von der Ausschmückung de- Zimmers, wie dankbar für dareizende Geschenk, ür die erquicklichen Speisen . .. Ach. auf diesem Erdenrund war Niemand glücklicher, als wir in dieser— allzusl sichtigen Stunde. Nachdem ^iel erzählt und geschäkert und abgespeist war, legte sich die Mutter auf daS Kanapee zur Ruhe, während ich meine holde Braut in den Gatten, in die lauschige Laube führte, wo wir ungestört unfern Gefühlen, den Derficherungen unsrer Liebe, den Betreuerungen ewiger Treue und wahrhaftigen Glückelebten; wir vergaßen der Welt ringsum, wir vergaßen selbst die Mutter. ach', hatten wir eS nicht gethan .... Plötzlich tönte ein wüstes, wirre- Getöse mitten in unser Glück hinein, Schüsse knallten durch den Wald, weiter und näher, ganz nahe .... Ich erbleichte. Schon am Tage vorher hatte man mir in M. gesagt, daß die Franzosen in die Grenzen eingefallen seien und einen Streifzug durch die ganze Landschaft machten, daß ein Deraschement aufgebrochen, fie zu vertreiben. Die Reise der Theuren konnte nicht mehr abgeändert werden, und noch am Abend, so wie am Morgen hatte mm mir fest versichert, daß in der ganzen Umgegend deS Gehöftenichtvom Feinde und von Soldaten bemerkt worben. In meiner Erwartung und in meinem Glücke hlalte ich evöllig vergessen. Jetzt, mitten im süßen Geplauder mit meiner Braut' drang plötzlich fürchterliches Lärmen und Schießen aufunS ein. Gerade vor der Pforte de- Geh-ftehatten sich feindliche Patrouillen getroffen und waren in'» Handgemenge gerathenr Ich wollte auder Laube zum Haufe stürzen,, aber der Hof war schon voll von Soldaten, die sich mit Kolben und Bajonetten bekämpften und immer daruntn schossen. Pulverrauch füllte und verfinsterte die Luft, Kugeln pfiffen nach allen .Seiten; man stürzte unsere Wagen um. schob die' abgrpacklen Kisten der Tante aufeinander, um ei-e Brustwehr daraus zu machen, vor und hinterher man kämpfte; Geschrei, Kampftuf der Streitenden, Wehruf der Verwundeten ertönte himmelan. WaS thun? Da ich zu dem Haufe nicht gelangen konnte, zog ich meine Braut in^die dichte Laube zurück, drückte sie in die dunkelste Ecke und stellte mich vor ste, uin ste, mir meinem mächtigen Stecken bewaffnet, den ich au» der Erde gerissen, auf Tod und Leben zu vertbndigen. Sie wimmerte: „ach, meine Mutter, meine Mutter!" — aber helfen konnte ich ja nicht. Durch eine Oeffnung in der Laube sah ich, wie Pprch die Schüsse die Kisten und ihr Inhalt Feuer fingen und aufloderten; dadurch wurden die Feinde vor ihr verdrängt; die Unsrigen brachen jubelnd hervor; bald fiüchtete der Feind in Unordnung audem Gehöfte, die Unsrigen nach — und nach wduiger als.einer Viertelstunde war der Hofivieder frei, und nur einige Verwundete stöhnten ihre Schmerzen daselbst aus. Noch waren die Soldaten nicht au» dem Hofe, alich und Lina durch? den-Garten stürzten, und in das HauS hinein .... welch' ein Anblick erwartete unser -— auch die Mutter mußte plötzlichvon dem KriegSlärmen erweckt worden fein, ste halte ych erhoben, um zu horchen, als eine Kugel durch daS Fenster geschlagen rmv st« gerade in daS Herz traf.... . ste war fitzend art die Lehne de» Sopha'S zurückgesunken, und hatte den Geist aufgegeben . . . /fr trafen wir ste, die Hand auf dem Herzen, dessen Blut fich nach innen ergossen hatte .... Soll ich Dir di» Scene schildern, mein Leser, die nun erfolgte — stebe, ich fitze, hier nach »so langen Jahren in dieser Laube, wo ich weine Lina an'»- Herz gedrückt, und schaue in jene Scheiben, da in dem Zimmer ist eS geschehen, aber mein Herz blutet fast noch so heftig wie damals. wo ich düS jammernde. Mädchen'umfaßte, und fie wußte nicht einmal, daß Ich eS wat .... Auf mein Bitten trat der Eompagniearzt. welcher die verwundeten Soldaten im Hofe verband, in'» Zimmer, aber sein Ausspruch lautete . . . „todt." — So urplötzlich tritt oft ein grausame» Geschick mitten in da» größte Glückhinein, zerreißt e» uyd wirft un» die Fetzen vor die Füße, al» ob eS spräche: „Sieb' zu, wa» Du daraus noch machen kannst ..." Und ja. e» giebt Menschen, denen keine, auch die wohlverdienteste Freude ungestört bleibt .... Zum Glück waren di0' umgestürzten Wagen ziemlich unversehrt geblieben. DaS KriegSwetter, so plötzlich hereingebrochen. so schnell^ wieder verzogen, hatte nur vernichtet. wa» eS um Einem Schlage getroffen. In den einen legte ich die Leiche drr theuren Mutter, die an der Schwelle des Glücke.» ihrer Kinder gestorben; in den andern schaffte ich meine, fast bewußtlose Lina, und faßte fie in yreine Arme, wo sie spät, spät erst einige erleichternde Thränm fand! Don den Sachen de» Mädchen» und ihre»

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