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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 32 (1855) · p. Seite 126

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
32 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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126 ich man nannte . ... ich kenne euch wohl, thr kleinen Erdhüzel, die ihr meine Geliebten bedecktet, ich bin oft im Leben zu euch gewandert, so zerstreut ihr! auch läget in weisem Umkreis, je nachdem die gewohnt, welche den Lieben, d e ihr berget, eine Zufluchtstätte auf die kurze 'Zeit gewährt batten . . . ich war Waise, geschwisterloses Waisenkin > - - aber ein gütiges Geschick Hane mich in daS HauS ein S OberohmS geführt. Er Hatte esst ln sehr späten Ja ren geheirathet, und von feinem ach^ so himmlisch sanft«n Weibe nur eine Tochter empfangen. Diese- Kind, ein ge Jahre jünger alS ich. liebte er jum Ueber» maße, abl r da.S hinderte ihn nicht, die Güte selbst gegen mich 'zu f in. Er war eine seltene Erscheinung schon damals. D e hohe, trotz deS Alteraufrechte Gestalt mit langem, neißem, gekräuseltem Barte und Silberlocken an der Schlä r herab, darothe frische GreisenanÜitz mit den klugen, ft »mmen Augen, die Wei-beit und pkilve über den ganze Menschen au-gegoffen; Gutes thun war feine Lust; bei Kranken und Sterbenden wachen und Psalmen sagen sein Lieblingsbeschäftigung, oft mußten svir entbehren. weil tr. waS er gerade gehabt, mit.eineai Dürftigen getheili ... , Jndeß warmer nicht ganz unbemittelt, uni^ feine Frau lag mit derselben Ruhe und Pflichttreue dem ^kleinen Geschäft wie dem HauSwesen ob. So lernte ich in diesem; gottgesegn ten Hause einen nte gekannten Zustsind kennen, die Sorglosigkeit am Abend um den Dissen Lrodes am Morgen - - vor Allem aber sandte mich der Einsichtsvolle Ohm in ie Schule der jüdischen Gemeinde, und so mangelhaft je e auch war, ich lernte daselbst lernen, und bald lernte ich durch eigene Anstrengung mehr als vom Lehrer . . . »iewaren die glücklichsten Jahre meine- Lebens. Den Echt >erz verwindet die Kindheit so leicht, AlleS umgab mich mit Liebe, dieser LebedSluft der Jugend, auch daS Ma chen schmiegte sich an mich wie a» den altern Bruder . * ich ward Bar Mizwah — ach, ein wichtiger, feierlicher.Tag — und alS ob ich an diesem Tage wieder Absch ed nehmen sollte von der schönen Zeit, die mir geworden unv ich zurück in daS rauhe Leben .... in der Nach darauf verschied plötzlich mein Wohlthärer und Ohm. 1 Vit ihm hörte eine Familienrente auf, und Frau und Kit d sahen sich auf daS Nothwendigste beschränkt. Bald m ckte ich oieS, und faßte meinen Dttfchluß, ich wollte d S HauS verlassen unv mir eine Lehdstätte suchen. Da die kante durchaus nicht einwilligen wollte, damit ich noch eint ,e Jahre lernen könne und weil ich noch so schwächlich am Körper, so schnürte ich eineschönen Morgens früh men Bündel, verließ heimlich vuS Haus, ging hinaus «ad dem „guten Ort", wo ich unter vielen ThrLnen vom G abbügel dest theuern Ohms mich »erabschiedete, und un er inbrünstigem Gebet meine Pilgerung in die Weite b gann. Ein zurückgelaffener Brief beruhigte meine Tante u td ihr« Tochter über mein Geschick. ,Go» war mit mir — ' Gott war mit. mir. denn er führte l^ich einen rauhen Weg,' auf dem ich festen Fußes gehen laute. Kaum war ich einige Meilen gegangen, .und lies mich auf eine Bank am Wege nieder, um auSzupuhen als ein wohlgekleideter Jude auS der nahen Stadt daher kc», bei mir stehen blieb, und mich ao-fragte, woher? nohin? wer? . . . DaS arglose Kind sagte AlleS aus, w s es wußte. Der Mann gefiel mir eigentlich gar nicht, sein stechender Blick, seine scharfe Nase, sein zusammengekniffener Mund, seine hageren Finger schreckten mich - ah — aber er hatte EtwaS in Blick und Geberre, daS mich beherrschte, so daß ich ihm AlleS beichtete, und als er zum Schluffe zu mir sagte: „Komm'. Kleiner, mit mir . . folgte ick ihm, obschon fast wiver meinen Willen. Ich blieb bei diesem Manne lange Zeit. So . wie ich eS jetzt beurtheile, wollte der Mann meine Jugend auSbeuten, unv ging dabei systematisch zu Werke. Obschon knapp, ging eS mir nicht zu schlecht bei Ihm. obschon sehr streng, mißhandelte er mich nicht geradezu, aber auf's Unerbittlichste bewachte er mich, ich durfte, selbst an den Festtagen, nicht aus dem Hause, war er abwesend, so bewachte mich fein Weib wie ein wahrer Drache, ich mußte schwer und stets arbeiten. Bücher unv geistige Beschäftigung ließ er nicht zu. Ich sollte abhängig, unerfahren, geistlos. unselbstständig bleiben und sein Haus alS einzige Zufluchtsstätte betrachten. Aber der Herr batte mich mit genügender Kraft, ausgerüstet, und meine bisherige Erziehung' mich bereits genügend gestählt. Ich sab ein, daß jetzt dieses HauS für mich gut war) trotz seinen Ränken lernte ich das Geschäft durch ihn und bei ibm von Grund aus; durch Versagung wird der Appetit zum Hunger, und ich fand immer Mittel, mich mit Büchern unv Papier zu versehen und' um Mitternacht zu lesen und zu schreiben. Da mein Herr sehr bigott war, hielt er mich am Sabbarh und Fest nicht von Synagoge und Berh Midrasch fern, und wie auch die Vorträge beschaffen waren, ich zog geistige Nahrung daraus. So harrte ich sechs Jahre aus .— da aber meine Behandlung immer dieselbe blieb — trat ich einst unerwartet vor den Mann, und stellte ihm sehr mäßige, aber bestimmte Forderungen. Wie vom Blitz getroffen stand er, sein erster Laut rief feinen Hausdrachen herbei, eine Fluth von Schimpfteden und Flüchen regnete auf mich herab — da er aber Hand an mich legen wollte, drehte sich der fast zwanzigjährige Bursch flink Harum, nahm seine Lumpen und Lappen zusammen und verließ daS HauS . . . . Doch, lieber Leser, genug. Ich fand bald ein Handlungshaus. in welches ich eintrat und mehrere Jabre zu großer Zufriedenheit servirre; dann trat ich aus, begann ein eigenes Geschäft, es glückte mir: nach vielen Anstrengungen und wechselndem Geschick batte ich eS bereits zu einem bescheidnen, gesicherten Tbeil gebracht. Da erbielr ich eine- Tages einen Brief, der mich riet ergriff. Daß ich stets mit meiner Tante in Verbindung geblieben, kann mitn sich denken, so heimlich dieS auch bei jenem grausamen Manne geschehen mußte. Als ich frei war, wollte ich sie gern einmal besuchen, aber immer kamen Umstande dazwischen. Da schrieb mir die Tante, sie hielte eS für unrecht, mir länger zu verbeten, daß es schlimm um ihre Verhältnisse stänke.— Verlust und Nahrungslostgkeit halten diese in große Zerrüttung gebracht. eS bedürfe einer männlichen Hand, um sie zu ordnen, und dazu nehme sie mich in Anspruch. Daß ich eine Stunde später in Ertrapost saß, und mit größter Eile nach dort reiste, ist deutlich. Ach,, welche wechselnden Gefühle Überkamm mich, als ich der Gegend nähere, die ich vor zwölf Jahrm als hülflofer Knabe verlassen Hatte. Ich kam an. die Tante lag in meinen Armen . . . kaum, daß sie mich erkannte — sie war noch dieselbe, wenn auch sehr gealtert, vor der

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