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Jüdisches Volksblatt · 1855-01-01 · 30 (1855) · p. Seite 119

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
30 (1855)
Date
1855-01-01
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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an häufiger Verbindung wtt den.Städte r, und da auch in dm größten Dörfern damals noch kein laden sich befand, war eS allein der Jude, IW offener Kram der dem Bauer feine Bedürfnisse an Waaren — damals freilich! noch sehr geringe Bedürfnisse — zutrug, und für dm weiblichen Th eil und die Zugend war der Jude mit seinen inhaltsreichen Päcken stets eine "sehr willkommene Erscheinung — wie jetzt in Amerika der Händler bei den Hintenväldlem, — stets, sage ich, stelS. nur nicht in sicher Zeit grausamer Noth, wo im April die Felder n^ch nicht bestellt werde» konnten, und all' die Vorrithe verzehrt waren. Kurz, mein Vater »agtr stch hinaus, und die Noth. zwang, mich, den eben neunjähriges Burschen mit seinem Säckchen mitzunehmen. Meine brave Mittler ließ mich unter vielen Thränen von fich, und AlleS, > waö nur nochl an tragbaren Lumpen vorhanden war, wurde um mich herumgewickelt, daß ich fast daS menschliche Aussehen verlor — nun, der Forst und die Bauern sind nicht sehr ästhetisch, und nehmen's mit dem Aussehen nicht so genau. Wirklich waren wir glücklich beim Anfang unsres Ganges, und'schon auS einem der ersten Törfer noch während deS DormittagS fanvtL-mich der Vater-cheim, ein halbes Brod, eine Metze Erbsen, eine Handvoll Mehl und drei Eier im Sacke, den hungernden Lieben zu bringen.. Ach, er mochte sie theuer erhandelt >aben. denn er seufzte tief, als er den Sack über di/ Schulter und die Eier in ein Tüchelchen gebunden in die chland mir legte, und nachdem er'mir befohlen, mich in eine^n andern, nicht sehr entfernten Dorfe wieder zu ihm zu finden, spracher mir mit erstickter Stimme den Segen nach Jubeln empfing mich zu Hause, aber ich nahm mir kaum die Zeit, einige Bissen BrodeS zu essen, als ich rrich wieder auf den Weg machte, den geliebten Vater zu treffen. Aber» daS Hin- und Hergehen hatte mich ermüdet, und ich kam eine Stunde später an Ort und Stelle, wo der Vater mich erwartete. Dennoch konnten wir dort nich bleiben, weil dies gerade die ärmste Gegend »war, wir mußten quer durch den Wald, um den andern Morgen rechtzeitig unfern Handel an besseren Orten beginnen und noch den dritten Tag nach Hause zurückkehren zu können, weil sonst dort Alles verzehrt war und dieser dritte Tag «in Freitag war. ES war erst 4 Uhr Nachmittags, als yir uufbrachen, und die Tage waren schon länger. Wir 'wastderten muthig drauf loS. und der Vater ließ fich aber« und abermals von mir erzählen, wie Mutter und kleine jHeschwistrr gejubelt, als ich mit den Herrlichkeiten im Schnappfack angelangt. „Siehst Du, was ein guter Gol^t ist!" rief er mir zu, und schritt wacker weiter. So waren., wir eine Stunde gegangen, und gerade vom dichtesten Walde umgeben. als fich unvermerkt die Luft verfinstert hatte, ein starker Rebel durch die Kronen der Bäuine drang und AlleS so füllte, daß man den nächsten Baiiim kaum sehen konnte. Nach einer Viertelstunde war die dunkelste Nacht im Forste, und wir konnten den Weg, dar so nur durch spärlich eingetretenen Schnee bezeichnet war, nicht zkbei Schrine wett erkennen. Dabei drang der eiskalte Nebel Einem in Mark und Bein, daß uns von innen noch mehr ftöstelte, alS vott'außen. „Friert Dich, armer Nathan?" seufzte mein Vater, und nahm noch «inen alten Wollenshawl von feinem Halse und schlang ihn, trotz meinem Widerstrebe«, mir um. So vorfichtig wir vorwärts gingen, V liefen wir doch oft genug auf Bäume «it, und da wir st^ nun zu umgehen suchten, hatten wir unbewußt unsere Richtung verändett. und. verloren bald den Pfad unter unseren Füßen. Mein Vater, der in diesen Wäldern besser als der blrschenve Jäger Bescheid wußte, blieb oft stehen, um fich zurecht zu finden aber bald mußte er stch gestehen, nicht mehr zu wissen, wo wir wären. Wa» thun? „Wir müssen auf Gott vertrauen!" sprach er. und ich: „Väterchen, Du bist ja bei mir!," Er beugte stch nieder und küßte mich, Und ich suhlte eine heiße Thränr auf meiner'Wange. Er faßte mich an die Haüd und wir schritten weiter.. Jetzt ging bald auf und nieder, bald geriethen wir in'S. Dickicht, daß wir nicht hindurch konnten und umkehren mußten, bald auf gefrorenen Sumpf' und Morast, der uns verschlungen hätte, wenn er nich« hart wie Stahl gewesen. Dann und wann glaubte mein Vater, daran den Platz zu erkennen, berechnete dann den Weg und schlug eine andere Richtung ein — doch wozu all' die Beschwerden erzählen — — Wir waren längst schon die Zeit gegangen, in der wir.an'S Ziel gelangt sein mußten — und befanden unS in einer Gegend de- Forstes, die unS ganz unbekannt schien, auf's Höchste ermüdet unv von der Kalle fast bis zur Unempfindlichkeit durchdrungen. GS war AlleS finster außer dem schimmernden Schnee. Da fing Mein Vater zu zittern unv laut.zu beten an: „Aus der Angst ruf' ich Iah an, seine Antwort schafft mir Raum, Vater -in, ber Höh', waS soll aus Weib und Kind werdest!" Und er schlang seine Arme um mich und drückte mich an tzioe Brust, Angsttropfen rannen ihm von der Stirn. — „Hörst Du nicht-, hörst Du nichts? Ach, die Nacht, die Nacht, die erleben wir nicht zu Ende . . . ." Ich horchte, ich lauschte, ich fing bei der Angst meines VaterS zu weinen und zu schreien an. mein Vater rief: „Halloh, haklöh!" durch den Wald — — aber vergeben-, wir hörten nicht- und wurden nicht gehört . . . nur daS Knacken und Springen der Baumstämme, nur d)S Rauschen der Fichtenkronen, nur daS Schwirren der. Eissplitter von den bewegten Zweigen herab .... Nach einer- Weile Raffte fich mein Vater auf, fast voll Verzweiflung rief er auS: „Komm, mein armer Nathan, komm, eh! wir stecken, wollen wir noch gehen, gehen, so lange unsre Füße unS tragen . . . Und wir gingen weiter.. Aber noch waren wir wenige Schritte vorwärts, alS'rnein Vater plötzlich schrie: „O weh, o weh! " und por meinen Augen verschwand . . . „Vater. Vater!" schrie ich voll ^unendlicher Angst . . . Da hörte ich vor mir öchzen, und'der Vater rief: „Sei still, Nathan, hier bin ich. ich bin in einen ^Graben gerutscht, komstl, beug'e Dich, reiche mir Deine Hand, ich bin in den Schnee versunken, baß ich wieder herauf kann — o weh! .. Ich warf mich auf den Boden nieder, ustd mein Auge fand bald den theuern Dqter halb in Schnee mftmfen; ich streckte ihm die Hand entgegen, aber waSkonnte ihm die schwache Knabenhand helfen, er versuchte einmal, zweimal, aber ein, unsäglicher Schmerz preßte ihmschrecklichen Wehruf auS: „Der eine Fuß muß mir gebrochen fein — ich kenn»nicht auf! . . stöhnte er ... . DaS war schrecklich. In der finster« Nacht, von unerbittliche« Frost ergriffen, verirrt i« Walde, der Vater kn tiefen Graben gesunken, vom Schnee fast bedeckt und mit gebrochenen Gliedern . ich kroch

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