Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 24 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 3)
- Language
- German
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SS 7. (Gottfried v. Bouillon.) Äer Wahnwitz entzündete alle Köpfe; die Vernunft schien dem Wahnsinn die Herrschaft zu überlassen; Tausend, schaarten sich zu jenem Zuge, ein Grab zu erobern, hierfür aber Tausenden von Menschen ein schauerliche- Gr« b zu bereiten: das Jahr 1096 ist der Markstein in der Weltgeschichte, auf dem mit den düstersten Zügen die Wort^: „Verirrung deS menschlichen GeisteS" zu lesensind. LÜie sollte auch ein Unternehmen gelingen, daS mit Mord hegann, mit Raub und Lastern aller Art fortfuhr und ditj Palme des Sieges auf einem mit Menschenblut gedingten Boden auf« pflanzte! Doch kehren wir wieder zu »nserm Sagenkreis zurück. Wir verlassen jene Kirche' auf dem Paradeplatz, kehren dieselbe Straße, die uns dorthin geführt, zurück, und begeben unS wieder nach der Zuvengasse. Bevor wir aber in sie eintreten, verweilen wir e ne kurze Zeit an deren Mündung, die in unmittelbarer!-ähe deS Mainzer ThoreS sich befindet. An dieses Thor knüpft sich folgende Sage. — Gottfried v. Bouillon. Hirzog von Niederlothringen, sammelte in jenen Jahren e n gewaltiges Heer von Fußvolk, und Reiterei, um nach 2 rusalem zu ziehen und dort das^berühmte Grab auder Gewalt der Türken zu erobern. So groß, aber auch jene HeereSmacht war, so wollte Gottfried dennoch im C oraus des Sieges sich sicher wissen und reiste nach WörmS, wo zur Zeit Rabbi 2saac Jizchaki der hohen Schulals Lehrer Vorstand. Sein Ruf der Frömmigkeit un > des reichen Wissens in der Kabbala Lurchdrang schon früher sein Vaterland, daganze Frankreich; dort hatte auch Gottfried von ihm gehört, und so wollte er nun ouS dem Munde dieses WundermanneS die Besiegelung feines Sieges vrrnehWN. In eine» stattlichen Aufzuge zieht ei gen WormS und trat, begleitet vvn einigen Kämpen, ir das Lehrzimmer deS Rabbi.' Stolzen Tones entbot er den Rabbi zu erscheine»; dieser aber, obwohl unstchkbcr, sprach dicht an seiner Heile: „Hier bin ich, waS ist- Lein Verlangen?" — Der Herzog, erblaßte und sprach! milderen TöneS: „Wo bist Du, ich fth' Dich nicht, erscheine; Du hast, auf Ritterwort'. nichtzu fürchten." — junto alfobald §«md der 66jährige Greis in sichtbarer Gestailt da. „Du hast," begann der Herzog, „von dem heilige), Krtegerzug nach Jerusalem gehört; ich trage daS Kreuj im Namen Gottes und will cS pflanzen als Zeichen dfS Siegeauf hem Grabe seines SohneS, de- GvtteSmenschen; sprich, wird mir der Sieg zu Theil werden?"— ,[$>u wirst siegen." antwortete der Rabbi, „eine'Tornerikrosue wird drei Tage lang Dein königliches Haupt schmucken,s doch nach kurzem Glück wird die Krone sinken, die Dirnen aber-werden blutende Wunden^ zurücklassen: Deine siwlze Söldnerschaar wird nur durch eine lange Reihe vvn Gräbern die/ Spuren ihres Zugcö bezeichnen; Tu selbst gber wirst lebend Dein Vaterland erreichen; doch wisse: drei Reiter und ein Roßkopf wird AlleS sein, waS von diesem stattlichen Zuge durch das Mainzer Thor die Stadt WormS wieder sehen wird." Der Rabbi sprach's linkt ward unsichtbar wie vorher. Knirschend sprach der Herzog: „Die Zeit drängt, ich muß fort, doch kehre ich aildj nur mit einem Reiter mehr in diese Stadt zurück, so sollst Du die Hand meiner Rache fühlen." — Gottfried zveht davon, erobert Nicäa, Edeffa unv Antiochien, erstürmt 1099 Jerusalem und setzte sich die Dornenkrone als BighLtzer des heiligen GvabeS auf'S Haupt. — Doch lqng war der mühfelige Kampf, kurz , der Sieg, und lang, sehrlang die folgenden Drangsale. Hunger. Seuchen^ Schwert und Anstrengungen rafften zu'Tausenden die fanatischen Kreuz«, zügler hin, Gottfried kehrte, ^aber nur noch von drei Kämpen begleitet, zurück, und je größer der Verlust, desto, grimmiger war der Zorn über jenen unheilverkündenden Rabbi. Er hat nicht ganz die Wahrheit gesprochen, denn noch stehen vier Reiter vor WormS; einen Augenblick, und sie haben das' Thor paffirt! Doch nein, furchtbar wahr erfüllt! sich'des Rabbi Wort! Schon waren Gott^ frird und zwei der Reiter innerhalb deS ThoreS, der vierte wollte folgen, da stürzt« daS Fällthor zu Boden, der Kopf deS Rosses war innerhalb, der Körper desselben und sein Reiter waren außerhalb deS ThoreS .... So erfüllte sich deS Rabbi Wort! Der Herzog stand und sann, sann eine lange, lange Zeit! Eine Thräne.rollte über deS Helden Wangen; Milde senkte sich sanft in die Heldenbrusi, göttlicher Friede kehrte in Gottfrieds Seele'ein; er wollte hin, dem Rabbi setne Ehrfurcht spenden; ... doch fern, in der schönen Heimath, an den Ufern der Seine, weilte nun der Rabbi? nein! die Asche des Rabbi; Raschi starb, bald nach seiner Rückkehr nach Trohe-' im Jahre 1105. - (Schluß folgt.) 1 fr Notizen des Tages. In BreSlau ist auS dem Commerzienrath Jonas Fränckel!schen Nachlaß nun auch eisi DarlehnS-Jnstitut mit 50.000 Tblrn. fundixt worden, auS welchem achtbaren jüdischen Familienvätern z,lr Erhaltung ihre- Gewer-, beS von 20—500 Lhlrn. zu 2; Procenr Zinsen "vargeliehen werden. j In Mecklenburg- Schwerin sind dle^Judep wie-: der — Schützjuden gewogen;. es kann kein-Jude Bürger werden, oder ein Grundstück aas'seinen Namen, erwerben. , ES ist dieS, wie man sagt, durch die Ein-! Wirkung von-Jichen einer gewissen Richtung herbeigeführt, worden^!! . In Birn hassen zwei Juden ein HauS Behufs einer Synagoge für ihrt dort wohnenden 206 Glaubensgenosse» angekauft. Der Redakteur dieses/„Volksblatte-" hat eine Adresse an den Lord Johe»Russel während dessen Aufenthalts in Deutschland gerichtet, um den orientalischen Juden bei den bevorstehenden Friedensunterhandlungen eine günstige Chance zu schaffen. — Lord John Ruffel hat dem Dr. Phtlippson sofort geantwortet und ihin auf's Bestimmteste die Bemühung der englischen Regierung für gleiche Berechtigung mit den Christen in der Türkei zugesichert. Kleinigkeiten aus der jüdischen Geschichte. Boa Ewa an et Hecht. 43. Der erkenntliche Schüler. Gegen daS Jahr 1300, als Albrecht Kaiser von Deutschland war, wurden besonderdie Juden in den diesem Kaiser unterworfenen Provinzen von Lothringen und'