Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 2 (1854-1855)
- Issue
- 22 (1855)
- Date
- 1855-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Zndeß die Zeit dämpfte die Befürchtung, der Knabe ward ein Jahr, er hatte schon den ersten Zahn, er war entwöhnt, er fing an zu laufen, er begann in lieblichster Weise die ersten Worte zu sprechen. Wenn Joseph aus seinem entfernten Geschästshaufe kam, wenn! er dteHauS- Ihüre öffnete, fetye Schritte börbar wurden,! wenn dann der horchende Knabe rief:,„Papa. Papa kommt!" wenn dann Mirjam das Lind 'auf den Arm nahm unh dem nahenden Gatten zur Treppe entgegeneilte, miy es ihm an Mund und Herz legte . . . welch' eine Seligkeit.' . . . Und dabei gelang dem Manne Alle-, wa« rlr unternahm, und rangirte schon zu den bedeutendsten Kirnen der ganzen Provinz. Er blieb jedoch besonnen, utzd wagte in seinen Unternehmungen nicht mehr, als er ffelbst im ungünstigsten Falle tragen konnte. Nur einmc l ließ er fich verleiten, einer enormen Spekulation beizutrelen; es stand Viel auf dem Spiele; Joseph hatte eimze unr chige Nächte; er theilte eS selbst Mirjam mit, aus ihr wiederholte« Befragen, denn er hatte eS fich zum Grundsatz gemacht* nie vor seiner Frau ein bedeutende« Geheimmß zu haben; er gelobte fich im Stillen, sich nie wieder!n ein solche« Wagniß einzulaffen und seine'und der Seiten Ruhe zu gefährden. ES war ein stürmischer Rovembertag, der zu Ende ging. Wind und Regen theillen'fich in der Herrschaft; der Wind zerstreute die Wolken immer wieder, aber sie kehrten jede« Mal voü Osten zurück, wenn s^e nach Westen verjagt waren. Da kam die letzte Tagespost; fit brachte die Entscheidung; die Spekulation war auf« Glücklichste ausgefallen, der Gewinn war enorm, Josehh konnte sich von jetzt al« den reichsten Mann de« Orte« ans^hen. Schnell schloß er Bücher und Kaffe, warf den Mafttel um, und eilte durch den Sturm voll Jubel« nach Hause. Rasch die HauSlhüre geöffnet, die Treppe hinauf geeilt, warum Alle« fo still? Ein Bangen überfällt ihn. er zögert eine Sekunde, dann um fo schneller die Thüre duf :-da sitzt sein Weib bleich, todtenbleich an der! Wiege ihre« Linde«, da« voll Fieberglulh. mit großen rochen Flecken auf den Wangen, mit gläsernen Augen, stöhnend im Beuchen liegt . . . .' „Um Gott, wa« ist . . .?f' ruft Joseph erschrocken au«. Er hatte den Knaben Äittag« gesund verlassen, aber nach einiger Zeit hatte dieser über Kopfschmerz geklagt; die Mutter ttug ihn aus ihrem Arme umher; da« Köpfchen auf ihre Schulter gelegt, war er entschlummert; sie hatte sich nied'rrgesetzt, ihn quf ihren Schooß herabgelaffen, und sHIies er eine Stunde; plötzlich erwachte er. sein AuSsehn war gänzlich verändert; Frost schüttelte ihn, dann kam furchtbare Fiebergluth> wieder kalter, kalter Schweiß. Mirjam schickte zum Arzte, er war nicht zu Hause, zu einem andern, ti kam endlich, erklärte da« Kind in großer Gefabr, und eAe selbst nach der Apotheke, um eine Arznei bereiten zu lassen. Mirjam erwartete seine Rückkehr mit Beben, ste hotte darüber vergessen. nach ihrem Manne zu senden. , Al« dieser nun zum Tode erschrocken an der Pfoste der ähüre lehnte und nicht über die Schwelle konnte — da stürzte sie ihm entgegen, fast schreiend: .,Joseph! Joseph, unser arme« Kind — der Fluch Deiner Eltern, der Fluch . . . ." und fiel ohnmächtig in seine Arme. Da raffte sich der Mann aus. trug sein Weib auf den Divan, holte belehende« Wasser und rieb ihre Schläfen. Unterdeß trat der ^lrzt ein. Wie ■j von einem Jsstincte erwachte Mirjam bei seinem Eintritt, stieß Joseph zurück, und eilte zur Wiege de« Kinde«. Der Arzt tröpfelte die Arznei in einen Löffel und flößte st« de« Kinde in den brennenden Mund, dessen Zähne kau« auseinander zu bringen. Sie wirkte. Da« Kind schlug di« Augen auf, stöhnte,und rief: „Papa!" Da kniete Mirjam vor ihre« Mann nieder und ries: | „Hole mir Deine Eltern, Joseph, daß.unser Kind genese — denn sein Grab wird auch da« mein, sein! ..." Joseph eilte wie wahnfinnig fort." Der Arzt winkt« Ruhe, und flößte dem Kinde abermals einige Tropfen ein. Es drehte das Köpfchen und entschlief; .aber der Schlaf war unruhig, bald stieg die Hitze wieder und die rochen Flecken wurden wieder fichtbar; der Arzt ließ fich an der Wiege nieder, Mirjam erhob fich nicht von ihren Knieen .... Joseph eilte, nicht blos vom Sturm und Regen gepeitscht, durch die Sttaßen der Stadt, nach dem Hause der Eltern. Was war »an aller gewonnener Reichchum? Allen, allen hätte er um sein Kind hingegrben. und sein Leben obendrein. Wieder saßen Herr M... und seine Gattin in ihreist Wohnzimmer allein. Ihr zweiter 'Sohn war schon zwei Jahre in England abwesend, ihre Tochter hatte fich nach elner andern Stadl „sehr glänzend" verheirathet. sie lebten einsam. Bet dem Sturme' draußen sprachen ste kein Wort; Herr M... ging im Zimmer auf und ab, seine Gattin lehnte auf dem Divan. Ihm war es nicht unbekannt geblichen, daß sein Sohn sich in jenes Wagniß eingelassen, aber auch, ihm war schon die Nachricht von dem glücklichen Ausgang geworden. Er hatte es seiner Frau erzählt und die Summen berechnet, in dery^ Besitz er jetzt sein müsse. Dabei sprach er von der Eingezogenheit de» Paares, von der Bescheidenheit, die man der jungen Frau nicht abfprechen könne. Indem er so sprach, dann schwieg, stahl fich ein Seufzer aus seinem Munde . . . Nach einigen Schritten fuhr er fort: „und, einen Knaben sollen ste haben, davon erzählte mir De. M, ihr Hausarzt, neulich, Wunder was von Schönheit und Klugheit . . .." Er wollte eben hinzufügen: „GE erhall' ihn!" als er einimzürnenden Blicke seiner Frau begegnete vnd verstummte. Der Wind heults weiter, Herr M... schritt weiter, «btt sie sprachen nicht weiter .... Plötzlich hörten sie einen Schlag gegen die Haus- .pfone, daß fie erschrocken auffuhre»; dieselbe mußte aufgesprungen siein, eS stürzte Jemand herein, poltert? mit Hast die Treppe herauf, riß die Zinn-' ure auf'.... Herr 2W . . J stand vor Schrecken still, Madame M . .. sprang vom Divan auf .... Joseph wäre«, Joseph, der den Hut verloren, dessen Haard vom. Regen triefend um sein Gesicht hingen, mtt verzerrtem Antlitz, mit fass irrem Blick, er stürzte ins Zimmer herein, vor den erschrockenen Eitern nieder, und rief wie'wahnfinnig: „Gnade, Gnade, Dater, Mutter, Gnade; gebt mir mein Kind, gebt mir mein Weib wieder! . . und stehend hob er die Hände zu ihnen empor, und seine Lippen stammelten bewußtlos: „Gnade, Gnade! . .. . ' Der Dater warf fich auf den Sohn, riß ihn empor und rief: „Joseph, was ist geschehen, sprich . . . — „Vater. Mutter, Ihr müsset mit, Ihr müsset <m die Wiege meines sterbenden Kindes, an das Lager meiner stabenden Gattin, Ihr müsset dort beten, bäten um Genesung von Gott, Ihr müsset dort uns