Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1854-01-01 · 11 (1854) · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
2 (1854-1855)
Issue
11 (1854)
Date
1854-01-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4908862-5999336-6000663--0377-4909131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I 43 1 & find <6, daß ich (Such. meine Theuren, geschrieben, all meine Erlebnisse, all mein Denken-und ,n «in Fühlen möckte ich an Euere theuren Herzen legen, es ist mir, alS lebte ich in Eurer Mitte, so ist all mein Decken und Trachten mit Euch verwachsen, ich durchlebe alle Irwine Freuden doppelt, wenn ich sse genieße und wenn ich Euch davon berichte. Mein Leben, an der Seite meinjeS geliebten Gatten, hat jetzt erst seine rechte Weibe erhalten, da ich für ihn denken und sorgen darf! denn bei Euch, meine Theuren, habe ich nie eine Ahnung davon gehabt. waS Sorgen seien, 1»gbr habt nie eine solche in und aufkommen lassen. Jetzt llvdr ist mein Herz getheilt in der Liebe für meinen tbeuren Gatten und in dem innigen Sebnen nach Euch. Wenn mein Maier in seinem Comptoir jfitzt und ich habe die Stickrabme vor mir. da ruht meistens die Nadel in meinem Schooß. mein Blick schweift den Wogen ve- Lorenzostromes nach und ich sinne nach, -b nicht auch eine dieser Wogen sich einigen könnte im großen Ocean mir einer Welle meines lieben HeimatbfluffeS, de- Neckars, meines Jugendgespielen. Den Wolken, die rer Westwind nach Osten jagt, folgt mein Blick und trägt ijhnen Grüße auf an daS tbeure Schwabenland; ob sie ab!er das Ziel erreichen? — Wenn mein lieber Mann vock Geschäfte kommt, dann erwache' ich auS meinen Träumer, en und ich plaudere mit ihm von Euch und von ganz lleckarbausen und Allen, die ich kenne. Gestern Aber« hatten wir Gesellschaft ein schöner Kreis von lieben Freunden war in unsrem 6»alon versammelt. Angehörige verschiedener Nationen, doch rorbrrrschend Deut» sche. Die Conversation war lebhaft, man ang upv eine Quadrille wurde arrangirt. ich konnte abep n cht an der hüpfenden Fröhlichkeit Tbeil nehmen, mein H rz rang nach Fassung, aber meine Vernunft wurde nihl Herr über daS ängstliche Herz. — Ich wurde ans Pi mo gedrängt, um ein heileres, schwäbisches Lied zu singen, aber eS floß nicht von den Lippen. Da klang mir ein Lied auS der Kinderzeit ans Obr, Du liebe Mutter, hast eS unS oft gesungen. das Lied „weit in nebelgrauer! Ferne." ick griff >Me Accorve und sang daS Lied; ick glaube, ich fang schön. Noch batte ich den letzten Vers nicht berndet, da glaubte ich mich beim Namen gerufen, ich eilte hinaus, aber man wollte Niemanden gesehen haben und ton meinen Leuten halte Niemand gerufen. — Ich war e ne halbe Stunde später in lebhafter Unterhaltung mit einer Freundin, da klang wieder ein Ruf in meinem Ohr; ch war sicher, Dich, geliebte Mutter, zu Horen, ich sprang unwillkürlich ans Fenster, der Mond leuchtete, ich blickte >ie Straße auf und ab, aber Allewar stille und man nollte mich bereden, daß meine Phantasie mich getäuscht ha!>e. Nach 12 Uhr um Mitternacht ging die Gesellschaft au i einander, ich mar allein mit meinem lieben Manne. Ich »heilte ihm mit, wie „zweimal'^ ich den Ruf meine- Vunlamenüi vernommen, daerstemal war.eS deS DaterS, das zckeuemal der Mutter Stimme. Ich war ängstlich, den» beidemal schien es mir wie ein Hülferuf zu klingen und nlS ich meinem lieben Maier eklagte, da hörten wir be de deutlich-„Jette" rufen, eS war nicht Täuschung, reale Wirklichkeit; was mag es auch sein, waS mich zur Hein alh ruft; möge eS ein Freuderuf sein. Geliebte Eltern, seit Euch erfaßt mich heute das erstemal tiefe Wehmuth, eine Sehnsucht, die an- Heimweh grenzt. Ur Schrei auder Heimathl Gute Nacht, w der Trennung von d dieser Ruf, dieser ein« Theuren, möge I der Hüter Israelüber^Eust wachen.-der nichf schlämmen'; und nickt sckläft. Gute Nacht, ^auf Wiedersehen beim gol»! denen Morgenroth! — , > j 0 Theure Schwiegereltern! Den Sie haben eben das .Fragment eines WWch meiner theuern Jette gelesen, %tn ich fortfeye, es liG/n 10 Tag, schwerer Prüfung dazwifchest. Sie find fromnie Israeliten und die traurigste Gewißheit ist nichts so traurig, als der 'bange Zweifel. Wahrheit ist nickt fo'schmerzlich, wenn sie auch bitter, als schmeichlerischer Trug.-Meine Gattin, Ihre Tochter,, ist nicht mehr unter den irdisch Leoenden, ein Engel schwebt sie-uvter den Seraphim am Throne »es Höchsten. Der Herr hat sie /nir' gegeben, der Herr hat sie mir genommen, der Nqme des^Herrn fei gepriesen. Ich Hab/ mir der Verzweiflung^gekampft., fieberisch^r Wahnsinn wollte mich umnachken, der Glaube bat mich gerettet. Der Glaub, an den-Heiligen, gelobt sei Er, und der Glaube an die ewige. Liebe. f | Sie haben die rvehmujhigeu 'Gefühle meiner Jette in dem Abriß ihrer letzte» schriftlichen Worte gelesen, sie. war immer heiter, wie ein Engel, nur an, jenem Äbend fühlte sie Schwermutb, sie glaubte „zweimal" sich gerufen und das „drittemal" hörte -ch selbst die rufende Grimme. Sie schlief ruhig, erwachte gesund, aber-ängstlich um die Heimath besorgt, Venn sie. deutete den.Rpf'auS!^er Heimath, als ein Mabnwort an sie, Tbeil zu. nehmen >n izgend einem Mißgeschicke, widerfahren dew Geliebten-stu elterlichen Hanfe. Frommes Gebet stillte die S^wermu h, ihr Auge war naß. sie glich der ick Thau gebadeten Lilie, ruhig waltete sie im.Hause'-und der Nachmittag r rf Heiterkeit wieder aufliebliche Antlitz und um zwei. Uhr setzte sie 1 sich an den Flügel unif sayg ein..Lieh, bekannt unter der i lleberschrift „Mutferfegen." Es war ihr S^hwanensang. > Mit dem letzten.Lieve-r-orre stieß, sie einen Weheruf auS, ■ fürchterlicher Schmerz batte sie erfaßt. Der Arzt wurde jbetufen, er wich^nich? von ihrer. Seite,, abei^ nach „acht"! Stunden.war sie ein Opfer der Cholera —> eine Leiche. ' Sie verschied »ltz ssrämme Israelitin; sprach selbst daS Schema . mit. das „zehn" Jstaelitinyen. eineTläne fromjme Gememde I an ihrem Sterbebette betejen. -r- Nach zwei Tagep wnrda» sie bestattet, nach frommem Brauch in Israel, und ^ver jütische EulkuSbeamte sprach die üblichen Traungebete. | Sieben Tage j und sieben Nachie bin ich klagend gesejstn, habegeweinr um die fromme Tochter Zions.^ Möge der Allerbarmer auch Sie ' . trösten mit all den . Trauernden Zijvn» und Jerusalems. Amen. Ich kann/etzd iiichd weiter schreiben,«ein Bruder wird das Schreiben foNsetzjen. Leben Sie wohl, immer bin ich Ihr treuer Sohn M. Maier. Wir lassen djx Fortsetzung de- Briefes «eg. Der Ruf auS der Heimatb bat sich erfüllt; eine edle Seele wurde zur himmlischen Heimalb gerufen, daß wir doch Alle den Ruf auber Heimach verstehen-lernten unb mit„Samu,I7 sprächen: „Rufe, Hd»r, Dein' Diener' hört!" j Die älteste Quelle für da« bekaitute Äürchen von dev drei Ringen in der jüdischen Literatnr. ES möchte wohl kaum einezi Leser diese» Blattegeben. der das bekannte Mtirchen vöu den dre^Ringen, in welchem die religiöse Toleranz auf eine estenjo eindringliche wie kluge Weise gelehrt wtrd^ -nicht ivenigstens au« -effingtrefflichem Drama ^Nathan der Weise" kennen wird. Dielen wird es auch bekannt sein, daß der be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.