Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1853-1854)
- Issue
- 52 (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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207 Kinder. Aber meine Umstände ändenen st». Ich hatte starke Verluste. Ich that Alle-, meinen gute» Namen zu erhalten, und schränkte mit den übrig gebliebenen Mitteln meina Geschäfte ein. Aber Du weißt! ja. lieber Leser, wie tS geh im. Leben. Ist da» Glück im Auge, so gebt 90 siegreich .mmer vorwättS, immer hoher — aber nicht Kinder hält der Fall an, wenn wir hipeingeratben find, bis wir in dem tiefen Abgrund angelangt. Es glückte mir nichtmehr. 3ch mußte mein schöße- Haus verkaufen, mich und meine Familie in eine enge-MiethSwohnung bringen; alles überleie Möbel wurde veräußert; da kam ich auch an die Truhe, welche die Bücher meine« Vaterenthielt; auch sie konnte ich nicht plaeiren; ich wählte die besten, meinem Vater werthesten Bücher auS, die anderen, alle wohl erhaltenen, nahm mir ein Bücher. Händler ab; auch nach dem Dutzend, di^ ich. zurückbehielt, streckte er die dürren Hände aus. aber ich schwor, mich nie von ihnen zu nennen. Ach, eS kam mir vor, als ob ich damit daS letzte Band an eine frühere bessere Zeit zerreißen würde, «nein Vater mit der ernstliebevollen Miene stand vor mir und warnte mich . . . Aber immer schlim. mer ward - mit mir; mein Weib fiel auf ein langwieriges Giechenlager, meine Kinder wuchsen heran und mußten einen Beruf wählen — und gerade damals ttat die Noch alS Sorge um datägliche Brov in meine Hütte. WaS nicht niech- und nagelfest war, wanverte zum Trödler. in« PfandhauS. Oft streckte sich «eine Hand nach den Büchern meine- VaterauS, aber ich zog sie immer wieder zurück. Unter diesen befand sich ein Gebetbuch, welchevon meinem Urgroßvater herrühche, und von drei Geschlechtern eifrig benutzt worden — biauf mich. Mein Vater hatte eS immer in der Hand, wmn er die hohen Festtage zum Tempel wandelte. ES war mit silbernen Ecken, Spangen und Schilden besetzt. Unter Thränen brach ich diese einst ab, als meine Kinder hungrig zu Bette geben sollten, und verkaufte sie AN» Brod — aber da- Buch in verschossenem rothem Sachmet hob ich um so sorgfältiger auf. Ich war einst nach einer benachbarten größern Stadt gegangen, um ein Geschäft adzuschließen, daeinen nicht unbedeutenden Gewinn verhieß. Ewar, wie grwöhnllch, mißlungen, und ich saß betrübt hei einem Glase Bier im Gasthofe, bevor ich den Rückweg antrat und stierte in die Zeitung. Plötzlich fiel mir Etwain Augen. Ein Mann in Marseille war gestorben, Namen- Stern» hochbejahrt und ohne Familie, aus Franken stammend. ES wurden, nach seiner Anweisung, seine etwaigen Verwandter; aufgeforderl. sich zu legitimiren, um die sehr bedeutende Hinterlassenschaft entgegen zu nehmen. 'Ich taumelte auf; ich glaubte, meinen Augen nicht trauen znldür« fen; hatte ich nicht eiue» Großoheim gehabt, der 'nach Frankreich auögewanderk war und in eine^ südlichen Stadt ansässig sein sollte, ja, mein Vater hat« mehrere Male mtt ihm cvrrrspondirt und ihn „Stern" genannt, obschon unser Name ein ganz andrer war, den mein Großvater, der Bruder jenes „Stern", angenommen hatte? Schnell ergriff ich da- Zeitungsblatt und eilte nach Hause. Die Aufforderung benannte einen Notar in Marseille, an da» man sich wenden sollte. Ich schrieb sofort an ihn, >hellte daS Familienverhältniß mit, und bat um Benachrichtigung, wie ich zur Erbschaft gelangen könnte. Dbe Antwort kam: ich müßte eine genaue und gerichtlich 1 ibimtrti Stammtafel einsenden. Ich mußt, nmhwentzig nach n einer Da» terstabt, um möglichst bestimmt, Sfias »eisungen zu erlange«. Welche Mühe, um die Po^ro- und », n gar.die gS»is»k»st.« zü errangen Oft griff , ü >, wiedU! nach den Büchern, Vena sie Ware« fast noch da» einzig Llerkäuffiche -- aber nein? ich hielt eisern fest; ich-!ch titelte bei früheren Freunden kieber, um nur nicht . 7 Meine Reise war vergeben-. Man wußte ort v»u meinem Großoheim nicht-, da mein Vater eri in '«unen Geburtsort ' eingewandert war. Zch kehlte irostoS heim, mein Muth war gänzlich gesnnken — o- «ür die Erinnerung an «eine«. Vater hielt mich zur ick. Meiner Verzwetfiung nachgebead, Hand an mich zu legen i. . . denn durch den Gedanken.an meinen Vater erinnert« ich mich an daS, waS ich meinen Kindern schudig sei. und eS zuckte pon Neuem dürch mein gequält« Herz^ Grausames Geschick, sprach ich, waS war Deine Absistt, mirdie Rettung zu zeige«, mir darzuäieren, »aii mir r »n Rechtswegen gehört, und emit «-dann schnell wied r zu entreißen? ... * *' So stand ich einst, voll tcübieliger Gedankei. an da« Fenster gelehnt, alich mehrere meiner jüdisch^ Bekann. ten mit Deib und Kind wohlgeputzt »orübech rhen sah. ES fiel mir aus, da immer mehrere m« inet Gl iubenSgenossen vorbei kamen. Zch besann mih, waS wohl die Ursache wäre, schlug endlich den Kalmler »ach. und sah —' daß es da« ReujobrSfest fei, welches'heute gefeiert werde. ES ergriff mich plötzlich, wie ich doch aller religiösen Gemeinschaft so ftrn gekommen isei. ein Gedanke befiel mich, eine Sehnsucht, mein Vater trat voi mich und erinnerte, mich, wie ich seiner Hand jrl« Kna »e an diesem Feste voll heiliget Schauer immer «ach devl Gotteshause gewallt sei -^> Ich achtete nicht «^uf meirim ärmlichen Anzug, edrängte und trieb mich fort. Schnell sprang ich zu den Büchern meine- Vater-, zog daalte Gebetbuch meineS^jrgroßvalerS, ein dimr Quar ant. hervor, und eil« )ort, nach der Eynagogell. . . 3c! trat ein, der Umstehenden 'Schaar blickte sonderbar auf mich, ich achtete nicht darauf, sondern zog mich) iy du» en ferntesten. Winkel zurück. Da versank ich zuerst in tiest« Sinn« n, daß die Gesänge de- Dorbeters, dzz^Responfen da Gemei nde kaum mein Ohrtrafen. Tief auS mein,« HerzeuS Grzwde i angen sich die Gebete herauf zum Vater, siir mein Leib, für meine welkenden Kiqder, für mein geänDWFDasein ... dann kehrte mein Geist zur Wirklichkeit lzuruck,, ^oll Inbrunst ergriff ich mein Gebeiboch. küßte eS und chlug de« Holzdeckel auf . . . HimMel, waS 'evrpfand ll > — auf dem ersten Blatte war, angefangen von der Haid meive- UrgroßvaterS, fortgesetzt von Großvater und ll ater eine sorgfältig genaue Stammtafel 'verzeichuet, Na nen und Geburt-tag und Gebutt-ort. Verheiratung, Fra ren. Kinder. Sterbetag, Begräbnißort—und Hauptfach ich, Fa«. mÜienereigniff». Da standen auch alle Angaben des M^dz nen Großoheim, der Tag seiner Abreise nach fei« Aufenthalt in Marseille .... Ich sank in die und beugte mich tief in den Staub, lantze . . la^g Endlich erhob ich mich, ich la» noch inmal. standen in hebräischer Sprache von «iaem Ui die Worte: „Diesoll «ine Quelle de- L bens Söhnen und Enkeln, so oft sie dsrau-I eten.