Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1853-1854)
- Issue
- 51 (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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letztem Falle frage ich: worauf, noch | roarrm? Greifen Sie zu! Im erstem freilich: warum so eilig? Die zweite Frage wäre, ob Sie. wie vif Mthrzabl uusrer Glaubensgenossen, vem Stande angrhörrn, wo die Frauen in Wirthschaft und Kinderbesorgung, jf auch im Gewerbe mit zugreifen müssen, over dem Stande, wo die Frau, namentlich die junge Frau, nicht weiß., womit die Zeit auSfüüen? )m letztem Falle rbun Sie eS nicht, stndern bitten Ste Ihre lieben Eltern um Geduld, denn ba» undefriebigle Herz der Müffigen wird auf Thorheit und Laster verfallen; im erstem Kalle stehen Sie nicht an, denn mit der Ehe kommt die Liebe, mit den Kindern die Anhänglichkeit. Ueberhaupt habe ich, nach Berbältniß ein« viel größere Zahl von Convenienzbeir^hen, als von Liebesehen glücklich gesehen, immer vorausgesetzt» daß beide Eheleute recht viel zu thun haben. 1 * Eine kleine Reis« Der Arzr rietb mir, vor Beginn der Herbstfeste und Hrrbststürmc noch einige Lage im Gebirge zuzubringen, noch dazu da selten schöne Tage ihren stoldnen Sonnenschein über die Septembererve gossen, l WaS will jetzt eine Reise von 9 bis 10 Meilen sagest? Vom Hause am die Eisenbahn, von der auf die Poji. von der Post auf einen Lohnwagen, von dem an Orrund Stelle .... in fünf Stundeu ist Allegemacht, und man befindet sich mitten unter den Bergen mit Weib. unh. ^kind. Jene sind noch so frisch belaubt mit ihren Eichel« und Buchenwäldern wieim Frühling, eine kräftige,/ kihld Luft streicht durch den warmen Sonnenschein hindurch, man fühlt-sich so leicht, so froh, so gehoben .... Poch davon wollte ich eigentlich nicht sprechen. Tem Beobachter ist auf vem kleinsten Raume ein weiter Platz her Tätigkeit gegeben, wenn er nur zu beobachten versteht, und,wenn er gar erst Glück hat. So gestatte mir der Leser, ^hm zu berichten, maS sich mir in einigen wenigen Stunden zusammendrängte, mit der Bitte, auch nicht ein Äort für erfunden zu erachten. - Wir bestiegen in H. den Postwagen,! in welchen stch nur ein junger Mann noch setzte, von echt germanischem Au-sehen. blond an Bart und Haar, blaue Augen, rothe, wenn auch gebräunte Wangen; er mochte wohl 26 oder 27 zählen, von aristokratischer Haltung, > aber freundlich. So wie ich ihn nicht aH Germanen verkannte, mochte er bald meine Abstammung von jenem erhabenen „GotteSfürsten" Abraham, erkennen, und, ehe ich mir e» versah, hatte er die Unterhaltung eingesadelt I ich bin etwas unzugänglich auf Post- und Eisenbahnwagen, da ich alle remcontres persönlich hasse und daher >von vornherein vermeide — und war auf dem Gebiete l^eS JudemhumS angelangt, ohne jedoch im Geringsten eist religiöse» Gespräch oder gar einen DiSpüt zu wollen. AlleS ungezwungen und ohne Absicht — denn wir schieden später, ohne unS nur unsre Namen oder unfern 6t|inb genannt zu haben. Er schien von Hau» aus Oekofiom, aber doch nicht dabei verblieben zu sein. Er hatt^bereit» Reisen durch ganz Nordveutschland, Dänemark, Äari», London, Nordamerika und Westindten gemacht, 8,1 war von einer merkwürdigen Bildung: eine Bibelfesttgkeiit (nach lutherischer Uebersetzung, die »selbst noch!bei einem Äheologen in Erstaunen setzen Hürde. fing man v >n lateii ischen Dichtern an. recirirte er ganze Oden >von Horaz; ftlich'M Fels, war schien t?fll tägliches sprach man Pari- und von Kunst, wußte er - in den gjattr: i«n von Dresden Bescheid; auf naturwiffensch ' ' J er - zu Hause, und Literaturgeschichte Studium, kurz , ich und meine F^w sahen uiS öfter bewundernd an. Obgleich er Heine-Richtung durchaus nicht goutirte, fq ließ er ihm doch! auch in se nen Borzü»» gen »jlecht widerfädveq, «rnd ganz! außerordenilich war er von ver Figur deS „Jslda Halevi^ im „Rom inzero" eingenommen. Dieführte weiter. Er erzählte daß er bei Salzmann im SchnepfenthH erzogen chorden, „wo sie alle gebildet wurden, alob sie Juden!wäien. ohne olle-kirchliche Dogma, in der reinen -ehre vz> > Gott, auf Grund dealten Testamente»." Er sprach lie Meinung auS: „daß'eS ihn immest^ verwundert Hube, daß Juden, tbum so ohne alle Prostlytensucht Isei,'^ —• ich konnte ihm diesehr leicht erklären — „und daß sehr Bi >le zum Judenthume^ übergehen würden. menn^die» nicht! eim Ueber« tritt Eeremonieen' verlangte, denen-ma» sich ni feT gut unterwerfen könne." . Er erklärte, daß er.! „abgese )en von den Satzungen und Gebräuchen, da» , Ju^enchuai in seiner Lehre als die Üniversalrelitziyn ent^alteind" bet achte. Er erzählte, wie oft er schon > in da» Syn^rgogi n gekvdsen, z. B. in Hamburg in der alten Svnagoge am Älvenb deS 9. Af, wie viele Freunde er umer'de» Juden habe. Eigemhümlich war die AeußerunK daß ihm „dak Eine an den Judm in religiöser Hinsicht nicht gefalle, laß sie nicht mehr opferten^ ’ Die» machte ich ihm aber doch deutlich. Kurzum. eS war Schier das Jizdenthuu -»in seiner Bedeutung für die Menschheit so rstn, so iestiv mt und so vorurtheilsloS aufgefaßt, wie man e^ ^ch-- ui »er Juden und Christen nicht leicht findet. > . Ich war an Ort und Stelle aUgekk mmen, and da der Aufenthalt ein längerer fern sollte, imußle, nach Besorgung des Logis, die nächste Frage ftüi: ,»ohrr fei» Essen? Nota bcoe. da auf den Bergen uns beim Llüffiggang das Essen ein« Hauptrolle spielt. Äls ich ver Jahren hier einmal gewesen, da hatte — da in dem Dorfe gar kein Jude wohnt — der Chasan, oder wie e auf dem Lande heißt, „der Ährer" reö na » gxkegnen Städtchen» G. meine Beköstigung übernommen, ^ahin wanvte ich meine Schritt«. Am Beginn de» Städtchen» fob ich Karton und Tücher au den Fenstern eiu^S Nein n Hause» ausgestellt, da konnte ich mich erkundigen. Ei, ältlicher Mann nahm mich freundlich auf, und^erzählte mir sehr weitläufig, daß der „Lehrer" fort wäre,, daß sie gar keinen „Lehrer" mehr hätten, daß fie sich daj iws-Neisch von benachbarten Städten entnähmen, und daß sie allerdings bisweilen 14 Tage lang keine» hättest. ,^S« »en Sie," sagte er zu mir, „ich war drei Wochen fronn und da verordnetmir der Arzt KalbfleischbMe, da kam der Schochet von X. gerade und schlachtete ein Kalb^ aber von dessen Schechiia esse ich nicht, weil er! nicht sei, und st habe ich auch kein,. Kalhtkeifchbr sen . . . Die» war nun steilich wi Auffassung de» JudenthumS. Ich gtjd andern jüdischen Familie, und diese übi Bitten meine und der Metnigen^ Bekös Bedingung, daß ich da» Fleisch dazu vÄ »eil einer andere zu eiuer