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Jüdisches Volksblatt · 1854-01-01 · 33 (1854) · p. Seite 131

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
1 (1853-1854)
Issue
33 (1854)
Date
1854-01-01
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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111 bleib Du nur herzhaft vau, ich blrib bei Dir «n waug mei Lebe dra, aß Dir nikS z'Sab gfch^ut." Die Beiden verrammelten nun da- Hau-, so gut ste konnten und schlossen die Läden, in welcher Sage sie eine Zeit lang fitzen blieben, während die Tumultuanten um da- Hauherum stürmten. ' Mit ein^m Male krachte ein Schuß durch den Laden, da- Fenster klirrte, und eine Klintenkugel streifte . neben GLtsch vorbei und flog in den Öfen, wo si,'stecken blieb. Jetzt sah dieser ein. baß hier kein Bleibe« mehr für ihn sei und flüchtete sich durch die Hinterthüile dem nahen Walde, zu, während die Plündernden in »ab Haueindrangen und darin so schrecklich hausten, daß [flj einen Schaden von mehr als 8000 Gulden anrichteten. J«^i Kleiderkasten blieb kein Kleidungsstück, nicht ein Stück P!eißzeug, nicht rin Gefäß oder Geräth blieb im Hause, und . im Keller kein Tropfen Wein. Nachdem nun dje Rebellen auf solche Weise ihr Mürhchen gekühlt, forderten ste den Parneß herau- und drohten mit Brand.' jvl ging Reb Schmuel, Marem- Schwager, betrübt in die Scheune, wo dieser versteckt war und sprach zu ihm: „von "pro:, crsrm wenn Du nicht Dich zeigst, so gebt ,S unböS, wir find Alle unglücklich. Komm heraus, Du vermagst noch am besten mit den Rebellen zu spretjeii und fie zu besänftigen." Marem war hochherzig grnut, sein eigne- Leben um seiner Gemeinde willen in Hrfthr zu begeben. Mir männlichem Muth und tiefem Hran auf dem Angefichte trat Marem in den KreiS, der Rebellen und nahte sich ihrem Führer, indem er eine! Au^ie iz von ihm verlangte. Die Achtung, welche die^ Erscheinung des ^Parneß gebot, hielt jede leidenschaftliche Äeußerung der rohen Rotte zurück. Durch die Unterredung mit dem! Com- Mandanten bewog ihn Marem, mit seiner Rotts wegzuziehen, welche ihn aber alS Geißel mitnabm u^tec dem Ausrufe: „Jetzt haben wir daS Haupt der 3ube«|!" Um drei Uhr rückte der helvetische Commandanr, Herr von Schmiv, mit Nationaltruppen ein; spater kam auch Oberst Schwarz von Müllingen, welcher mit seinen Truppen aus dem Marsche nach Zurzach begriffen war und iuf dem Wege dahin viele flüchtige Judenfamilien anlraf. Jöon denen er sichdie Erceffe in Endingen erzählen ließ sind deshalb dahin marfchirte. Diese Truppeir. vertrieben nun die Rebellenhaufen und nur noch Einzelne blieben in Iden verlassenen Judenhäusern zurück, um noch fort ju plündern. AbendS erst raffle sich die bessere Bürgerschaft ruf und verjagte daS Gesindel. TagS darauf verband 'sich wirse m« der jungen Mannschaft der Israeliten und bewaffqeten fich so gut alS möglich, um allen fernern Erceffen kräftig entgegen zu treten. I Zur Vervollständigung unserer Erzählung müsse«» wir einiger Züge von Unerschrockenheit und Geistesgegenwart erwähnen, die einzelne Israeliten in dieser Stünde der Bedrängniß an den Tag legten. — Als die Rotte der Rebellen herannahte, forderte deS Königs Schmule, I damals ein junger starker und beherzter Mann, seine Altessgenofsen auf, sich mir ihm zur Gegenwehr zu verbinden. Er fand keinen Anhang, fand es aber für sich zu feig, Re Flucht zu ergreifen. DeS Reb Jekest Frau, Meiste, war nicht dahin zu bringen, daß fie ihr HauS verließ; sondern sie blieb, um ihr Eigentbum wie die Löwin ihre Ju«geo zu vertheidigen. Wirklich gelang eS ihr, die Plünderer von ihrem Haufe weg zu treiben. Reb Eifig, Sohn de- Rabbi Refoel Ri«, war ein Rann, her Vie Schrecknisse der neunziger Revolution mit angesehen hatte und als Nationalgardist im Dienste der Republik gestehen. Don Norur ein unerschrockener Mann, konnte den Diel'erfahrenen ein Revolutiönchtn nicht so leicht außer Fassung bringen; er blieb darum.ganz ruhig in sei. nUt Specerriladen, der Dinge harrend, die da kommen werden. Ein Soldat kam nun herein und verlangte im Namen deS Commandanren eine köllnijÄe Pfeift. RiS gab fie ihm obne Bezahlung. Der Soldat ging hinaus, zerbrach di, Pfeift und kam wieder. Herrin um eine zweite zu fordern. RiS gab-ihm auch diese, ohne Bezahlung. Als aber Elfterer wieder da-, Gleiche tbat und zum dritten- Male eine Pfeife verlangte, blieb RiS nicht mehr gelassen; sondern stürzte den Soldaten zur Treppe hinunter, wurde -mit dem-Kameraden desselben handgemeng und trug übtr ste den Sieg davo«. — Schreiber dieses durchzog diesen Sommer auf einer Ferienreise die von jüdischen Gemeinden bewohnten Dörfer Hägenheim, Hagenthal und Dürmenach im Sundgau (Ober.Elsaß) und bemerke gar gut in den Synagogen der beiden letzten« die in dem Jahre 1848 verübten Skandale der Judenverfolgung. Nachdem er fich diese Geschichte hwtte erzählen lassenzog er eine Parallele zwischen 1848—1QQ3 und zwischen dem Schweizer- und: dem Sundgauerbauer üud fand einen großen Eonttast. — In der Judenverfolgung von 1848, also in einer Periode, da die Cultur weit mehr vorgerückt sein soll als 1808. bemerkte man eine Rohheit und Brutalität, die auch nicht durch eilten Schimmer edler» Sinne-, durch irgend einen großherzigen Zug, der selbst auf den finstersten Gemälden^der menschlichen Geschichte alS Lichtpunkt erscheint. gemildert wird. 8uS dem Zwetschgenkriege werben einzelne Züge erzählt, die dem Charakter de« schweizerischen Volke« Ehre machen und den Schwei,, zerbauer als solchen bezeichnen, der weil entfernt-ist, der Brutalität da«, Terrain gänzlich zu räumen, wenn fie.sich breit machen will. — Nicht nur stemmten fich viele Dmttrn mit aller Mach? gegen.^die Judenverfolgung; sondern.sie gaben den Verfolgten 'Asyl in ihrem Hause und pflegten ste mir der dem treuherzigen Biederfinve de« schyeeizerischen LandmanneS eigenen Sorgfalt. Besonders verdient der alte Müller von Degerftlden hier Erwähnung. Ein Hühnerträger auS dem'Bernerbiete hielt bei einem Judenhause Wache und wehrte die Plünderer ab. Solche Beispiele ließen sich noch viele auffübren. Ein^auernweih, dazu Würenlingen auf der Wiese saß, sah von Brugg zwei Juden nach Endingen wandern und weinte heiße Thränrn de- Mitleidüber ste mit den Worten: „Ach daß' Gott erbarm, wie. wird'- nu hül göi" Der alte Güenz von Würenlingen war einer der^Wcnigen, welche an diesem Tage zu Hause geblieben waren. Beftagr warum er nicht" auch'mit den Rebellen gezogen, antwortete er: -,J ba üsmls_Herrgott en arme Ma ver- - spräche, un j will'denn lieber eine fi almit Raub rich werde." , AlS die Plünderer auS dem Kirchspiel nach ihrer Heimach ziehen wollten, und der Probst von Klingnäu, einem Städtchen an. der Aar-, eine Stunde von hie», ste heran ziehen sah, ließ er die Stadtthor« sc^ltbßen und I«irten hindurch ziehen, der nicht vorher sein ger»ubte- Out abgelegt halte, wasodann den Eigenthümera wieder zu-

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