Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1853-1854)
- Issue
- 33 (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 2)
- Language
- German
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180 hl rte man einen beladenek Wagen sortrollen; Alles in unhl imlichn. düsterer Bewegung und Regsamkeit Mancher seneli and manche ten. Viele Seufzer warb lauk beim Leeren der kästen. T)rgne fiel auf die einzupackenden Habseligke ^Z rren brachten die angstvolle Nacht in Häuf rn befreun d ter. edler Bauern zn. Der Morgen des gefürchteten Martbäus k^ach, mit sei« n m Nebel die ausgehende Sonne verhüllend,!an. Wenn raelüen je die Selichol mit.Inbrunst und^riefer Rühr »^.gebetet und zu Gott dem Hüter Jsraels'!gefleht, daß e snichl zu Grunde gebenlasse daS Volk) -hgs feinen ei-- r gen Namen verkündet, so geschah es an dieisem Tage in dien Synagogen res aargauischen Israels. Das war ein Srlichoktag unfein Lag der Büße, wie ernicht bald vorkommt! Aber .vor Tagesanbruch waren schon Weiber. Oreli'e und Kinder nach teM auch von Jsraelijen hewohntm Thiengen. nach Kadelburg und andern Gtenzorten der l Karkgrafichaft Baden (über den Rbein) geftüchret. Der! ng war schon angebrochen^als die Flucht noch forld^ucrte.!Lie schwer ein solcher Abschied aus der Heimarb in sei« «»er trüben Stunde, wie barr die Trennung für Garün r nd K-inders wenn ^ie den Vater in solch gefahrvoller age turücklassen. das füblr nurder. der solches mit erlebt bar. Bald ward Allrs still und leer, und die Zu« i ückgebliebenen verschlossen sich in chre Wohnungen 'oder »erstecklen sich in den Häusern der'befferdenkenden Bauern, ^s war Morgens 9 Uhr. als von den Dörfern ab der Höben res Lagern. von Schneissngen. SigliSdvrs-, Freienwell uchv andern Orten eine Masse mit Pickeln. Karsten, schaufeln u. rgl. bewaffneter Bauern, worunter sich auch ^Leiber gemilcht, den sonst so' barmlos an dar Surb licjendcn Lengnau zunücklen Nur bie undda bemerkte man unter dem Volkshausen eenen, reffen Aufsehen, Haltung sind Waffe militärisch mar. Datz Jauchzen, Lachen und Toben-bkr Rpkte hörte man schon in. der Förne. „Jetzt tebt's über-v'Jude." börre man den Einen rufen, indem tr seinen Pickel in die^ Höbe schwang. „Dein, wen mer hüt de Meister zeige." ,,Un S' Menvle'r kaüschere, wen f er au versüänT^meinte ein Anderer. ' ,,J'^ mölkt emol gut's Taglöbnli ba bär," sagte-ein Dritter^ aus'seinen um die Schulter gebundenen Sack bindeutend.! „De Jo«, sepli mueß jetzt uözalr si.*>^ — .Die Judsn in Lengnau tvaren aus diese Schrsckensstunre vorbereitet Empfange der Rebellen. Als Letztere in der Mitte. deS Dorfes an«?.klangt und sich zerstreut batten, um in einzelnen Abtbei« ungen in die Iudenbäuser einzubrechen, da wurde ihnen Wein und Brod zur Gnüge verabreicht, um st« vom Plündern abzubalten. Ein großer Theil derselben, drang aber dennoch ein. kaufte. da. sebr übel und richtete gjroßen Schaben an, und trotz aller Bemübungen der Julien zur Besänftigung der Rebellen wurvew^ker"Frevel in Menge ver« ubt unk üble Verwüstungen in den Häusern >^ngerichtet. - . ' < J , Mitten IN diesem wirren Getriebe' blieb die Lutst ei« üeS Mannes ruhig und sein Gemülb vom S^urmo unangefochten. Nicht daß er kkin Herz batte 'fut die Leiden (eines Volkes, nein,- dasselbe schlug zu waritz für Menchcnwobl. um hier gleichgültig zu sein, ja es war nicht! ') Anipielnng auf Josepb Bloch, de» viel« Schuldner an diesem Tage der. Bedrängniß Qnillnngen »bnöthigre», welche aber spater gerichtlich annullirt wurden. bald ein Ereigniß in seiner Gemeinde und in dey Familien, das ihm nicht mitgethellt wurde, denn er war bekannt als Ratber und Helfer in der Noth. Allein der würdig« Mann sah'darum unerschrocken und heiter dem Treiben der Menschen zu. weil er zu tief von dem Walten Gotteüberzeugt war, als daß Furcht in seiner Seele .Raut» finden und er vor Der Sterblichen Drohen erschrecken sollte. Dieser Mann hieß Rabbi Refoel Ris, der Seelenhirt der beiden gedrängten Gemeinden. Ein großherziger Cbarakter. Eia Katbollk auS dem Orte, der Schuhmacher Nazeli, sprach: „I blibesbi dem göttliche Ma un lohn ihm keS Leidli gescheb." Als man dem Rabbi da- Heranrücken der Rebellen meldete, sagte er ganz kalt: „Laßt sie nor, sie were bald wieder fortziehl." Ter fromme Mann saß in seinem Lernzimmer, Nazcli neben ihm. als hie Rebellen sich seiner Schwelle näheren; callein. keiner wagte es, über dieselbe zu-treten. Die Volkssage spricht davon, er habe in einem Kabalasevher gelesen und die Rebellen gebamjt. — Die wilde Roll, zog nun berauscht das Surbtbal hinunter. ES war Mittags 1 Uhr^ als sie nach Endingen kam. Hier nun gestaltete fick die Aufruhrscene viel trüber und ernsthafter als in Lengnau. Dmt den Dörfern aus dem Sigithal und an der Aare waren sie in Proceffion mit Kreuz nach Zurzach gegangen. Da haue sich unter den Wallfahrern daS Gerücht verbreitet, es babfn die Juden von Endingen einem Christen von Koblenz den Unterkiefer abgefchnitten. DiefeS Lügenge-- rücht, sowie das Tags vorder, verbreitete, es hätten die Juden den KunShütlern (Französen) Pulver und Blei nach der Linde, einem einsamen großen Baume mitten auf tm Ruckfelde bei Endingen, gebracht, erhitzte die Gemächer der ohnedies raublustigen Waller und gab ihnen den zum Frevel nölbigen Murb, der bei der rohen Masse sv leicht durch religiösen und politischen Fanatismus erregt werde»- kann. — Sie zogen nun über das Rückfeld nach Endingen, welches somit von zwei Rotten überfallen ward. Groß war der Schrecken und Jammer der .dasigen zurückgebliebenen Juden. Viele versteckten sich noch in befreundeten Bauernhäusern, andere flüchteten sich auf den naben Weinberg des Dorfes, andere in den entgegengesetzten Badener Wald, oder verbargen sich in Busch unk Hecke. Die Anführer der Rebellen waren ein Bürger aus der Stabt Baden, Namens Herzog, Commandant Freh von Brugg und Schnabelhans auS dem Sigithal. Die Rebellen drangen in die Häuser, plünderten, raubten und verwüsteten auf vandalische Weise. Besonders viel halten der Roth- Michel, früherer Parneß, und fein Sohn Marem Dreifus. damaliger Parneß, zwei reiche, wackere, wohlthätige.und geachtete Biedermänner, zu erdulden. Elfterer,hatte Mühe, mit dem Leben davon zu kommen, nachdem alles in seiner Wohnung und im Hause sich Befindliche geplündert oder'ruinirt worden war, selbst der Wein aus den'Fässern auf dem Boden herum schwamm. Im Hause Marem'S ging es noch schlimmer. Seine Frau Sarle hatte stch in einem benachbarten Bauernhause am Ende des Dorfes und --er selber wießer in einem andern Hause versteckt. nachdem ihnen die Gefahr sehr nahe war. Ihr dreizehnjähriger Sohn war aber nicht zu bewegen, daS elterliche Haus zu verlassen. Und HanSjakob, der treue Hausknecht, sprach zu ihm in jüdischer Mundart: „Götsch, r