Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 1 (1853-1854)
- Issue
- 27 (1854)
- Date
- 1854-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 3)
- Language
- German
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— — 107 auSsehendrn altern Knaben erklärt wurddn; an jener Leite erregte die Behauptung einekleinen Mädchen-, vaß zwei und drei zusammen sechs wären, allgemeine Heiterkeit unter den besser Unterrichteten. und wieder an .einer Landern Stelle machte eden Litern Schülern vielen Spaß, als ein jüngerer in der biblischen' Geschichte 'erzählte: , „Kain und Abel haben beide dem lieben Gott ein Ozsfer gebringt" und fie konnten sich über diese Reform, in der deutschen Grammatik nicht beruhigen, bis ein V^ick des Lehrerden etwalaut gewordenen Scherz verstummen machte. So gingen die Stunden in wechselseitigem Unterrichten und UnterriLtetwerven dahin, alplötzlich ein Knabe sich erhob unv heftig weinend und aus seinen Nachbar zeigend diesen beschuldigte, ihm mit eine» scharfen Messer die NLlhe seines Rocke» durchsch-uttei^ zu haben. In der That hatte der Beschuldigte, ein häßfich schielender Bursche von tückischem Aussehen noch da» geöffnete Federmesser in der Hand, mtt dem er die erwähnte BoSheit vollführt hatte. Rasch rötbete sich W-i bleiche Gesicht veS LehrerS, und ohne Rücksicht darauf, daß der Angeklagte ver Sohn von Juda Bernaß, dem reichsten Manne im Orte, war, züchtigte er ihn derb, rtitir Handlung,' zu welcher den von Natur weichen und gutmüthigen Mann nur die Wahrnehmung einer BoSheir solcher Art. hinreißen konnte. Man konnte eS hierbei den hindern o»-H?K£t blaffen Wangen und an der tobteßgl^ichen Stilles die im Zimmer herrschte, anmerken, wie! sehr ft. an beür Ktimmer ihres Lehrer- Thcil nahmen, rl^ach und nach jedoch trat die frühere rege' Lebendigkeit wieder an die Zlelle der eingetretenen Stockung ünv dauerte ungestört fori, bis die Mittagsstunde ertönte und dem kleinen Volke (großer» paffirt eselten) die Freiheit verkündigte. Al» die /letzten Nachzügler der jugendlichen Völkerwanderung. Einige schüchterne'Mädchen, die eS nicht $0 wagt hatten, sich früher den AuSgang zu erobern. da- Schulzimmer verlasset» hakten und auch Blumenthal!stch zum Weggeben bereit machte, stürzte plötzlich ein breiter, untersetzter Mann mit rohest Zügen, die Hände in Pen Taschen, alwollte er 'andeuten, daß von seine Macht lAib sein Werth enthalten fei. in» Zimmer, zeigte sich dem^ erstaunten Lehrer, uud ehe dieser noch Zeit hatte, in ihm den reichen Zuda Bernaß zu erkennen, schrie Jene»;: „Herr, wie können Sie eS wagen, inein Kind zu bestrafen? '-t&if* frn Sie nicht, wer ich bin?- Sie wollen eines reichen. Manne» Kind schlagen, der Ihnen schon hundertmal Veld geborgt bat! Aber da» hat man davon, wenn man solchen Leuten Gefälligkeiten.erweist. Thun Sie e» nur noch einmal! ' unh indem er die letzten Worte mit einer drohenden Geberd« begleitete, poltexte er hinau- Und warf die Thür mit einer solchen Heftigkeit in» Schloßt Aaß daS SchulhäuSchen darob an allen Seiten erzitterte.; Wie ein Stich von scharfer Klinge traf den Lehrer daS Gefühl seiner, beschrankten Lage, die, ihn zu Verbindlichkeiten gegen solche Menschen zwang und nur im Bewußtsein seiner gerechten Sach, fand der empörte Lehrer einig, Beruhigung. — Während die Lehrerfamilie um ihr frugales > Mittag»- brvt versammelt ist. babun wir Muße, un» den Markt in Heller MittggSjoan« näher zu betrachten. Da stecht n, der Stolz Möhrenberg»,. da» kleine altmodische Mtreckl mit feine« luftigen Thurm und läßt sich behaglüß »jo» der Zinne anlächeln, ver man e» freilich ansteht, daß ste nicht lange über vaS Städtchen zu scheinen gedenkt. Der Schnee glitzert, in tausend Lichtern und ^widersteht muthig den Anstrengungen rothnastger Buben, die ihn zu Ballen formen und als Wurfgeschosse benutzen wollen. Dem Rathhause gegenüber steht der Löwenwirtb' und schaut über de^ Markt hinweg rechtdie Straße hinunter, um dies Ankunft der Postkutsche zu erwarten^ welche täglich da» Städtchen passt« und daeinzige Binvemittel zwischen 'Äöhrenberg und der ganzen übrigen Welt au-machl. Le/nge braucht der gute Mann nicht zu frieren, denn schon läßt sich ♦«. lustige Ton de- Postboime» vernehmen und kurze Zeit darauf hält der Wagen vor dem „Löwen." Dler halberstarrte Postillon stocht erst ein Wenigeüber die „Mord-kalte/' giebt alSdann eine Led<rt>asche ab, nimmt eine ans«, dafür in Empfang, leert ein große- GlaS Branntwein auf^einen. Zug und fährt unter fröhlichem Geschmetter feine- HdrneS davon — ohne zu ahnen. welche Umwälzung er in die ruhige Lehrerfaatilie dort im weißen' EckhäuSchen gekracht hat. — Als nämlich der kleine fünfjährige Aaron da- PoststHnal hörte, ftagte er mit kindlicher Neugier: „Bitte, liebe» Väterchen, was bringt denn der Postwage», daß er alle Tage hier durchfährt?'! — „Briefe, mein ^kind^' erwiderte BlUmenthal fteundlich, „Briefe bringt - er pon entfernten li/eben und theuren Personen." Der Kleine sann hierauf «ine Weile nach, dann ftagte er: „Aber, liebes Väterchen,, warum bringt ste undenn keinen Brief vhn unferm Benjamin, ist er un» denn nicht lieb und theuer?" Dieso Frage, verbunden mit den Gefühlen, die am Morgen da- Innere de- Lehrerzerrissen und öie nun "in ihrer ganzen Furchtbarkeit wieder erwachten, ^verbunden endlich mit der Erinnerung, daß gerade h^iL^sor einem Zahrej an einem ebenso schönen Wintertage, ff, in derselben Slßrnde sein geliebter Sohn hinge^angxn'war.auf Nichtwftderse^en. alledieses stürmte auf den Lehder fo azachtig ein, daß ihm im heftigen Zittern' der .Löffel ent-' sank, daß alle seine Ruhe schwand, alle seine Mäßigung wich unv er in ein heftige» Schluchzen und Weiner^ au»« brach. Der lang verschlossene Schmerz fand ein« Freude darin, sich einmal ganz auStoben zu können und dttuammer degebeugten Manne» war wahrhaft zerrrmend. Vergeblich versuchten e4 Rebekka und die Kinder. ihnDurch sanfte- Zureden /u beruhigen, während ihnen selbst dir Hellen Thränen über die Wangen rollten. Der kleine Aadon, im dunklen Bewußtsein einer Schuld, an dfr er doch so unschuldig war, üm/lamckerte da- Kaie de-'Vater- und rief weiyend.^ „Ach, liebe», gute» Väterchen, weine nicht, ich will e» ja nicht mehr thun!" So in ihren Schmerz versunken, merkten ste nicht, wie drüben auf der andern Seite de» Markte» der Briefträger de» Stadtchen», ein kleine» decke» Männchen mit gutmülhizem Gesichte, die angekommenen Briefe in den Häusern ahgab, churven ste nicht gewahr, wie der kleine Mann trippelnd stchihrem Hanse immer mehr näherte, sahen ste nicht, wie. er endlich in da» Hau» und in da» Zimmer trat. Run muß »er geneigte Leser aber wissen, daß der. Brief« rräger in Möhrenberg ersten» ein Herz hat und zweiten» auch Zeit. Geil er eia Herz hatte, war er tief ergriffen von de« jammervollen Anblick, der stch ihm barbot, und weil er Zeit hatte, blieb er einige ^ecunve, reguug»-