Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 14 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 11 - t des Judentums nicht wirksam genug wahren, wollten wir es uns damit genng sein lassen nachzuweisen, dass das Judentum die Liebe nicht minder fordert als das Christentum; unsere Verteidigung muss vielmehr auch dahin gehen zu zeigen, warum das Judentum Liebe und Gerechtigkeit in unauflöslicher Verbindung verlangt, Gerechtigkeit ah der Liebe gleichwertig betont. Auch dies geschieht aus dem eben dargelegten Unterschiede in der Auffassung vom Wesen des Menschen. Das Christentum geht von dem Gedanken aus, dass die Kraft des Menschen durch die Erbsünde, durch das in ihm wohnende naturhafte Böse geschwächt und zunichte gemacht ist. Dann aber kann von ihm nicht gefordert werden, dass er aus eigener Kraft dem Ideal genüge, dann ist all sein Heil in dem aus Liebe fliessenden göttlichen Geschenk der Erlösung begründet. Dann ist jede Emporhebung des Menschen aus seiner Schwäche zur besseren Tat, jede Erhebung des in Sünde Verfallenen zu reinem Handeln nicht so sehr die Tat des Menschen als die Liebestat Gottes. Um die Menschen von der Sünde zu erlösen, — so ist die dogmatische Formulierung des Christentums — hat Gott sich in Christus selbst zum Opfer dargebracht, hat er also eine Tat vollführt, die über alle Erfordernisse der Gerechtigkeit hinausgeht und reine Liebe ist, die auch gegenüber dem Menschen von der strengen Forderung der Gerechtigkeit in Liebe absieht und also in der sittlichen Nachfolge des Menschen die Liebe zum obersten aller ethischen Werte erhebt. Man ist in weiten Kreisen des Christentums allerdings heute längst über die alte dogmatische Formulierung und den wirklichen Glauben an den Opfertod Christi hinausgewachsen, aber nach wie vor stellt man die Alleinherrschaft der Liebe als den spezifisch christlichen Gedanken hin und findet darin den dem modernen Bewusstsein entsprechenden unverlierbaren Kern der alten Lehre vom Opfertod Christi. Anders das Judentum. Mit seinen Grundgedanken erscheint die Lehre vom Opfertode unvereinbar, denn der Gedanke, dass der sündige Mensch durch das Leiden eines Sündlosen erlöst werden könne, dass es eine stellvertretende Genugtuung gebe, dass in der Befreiung des Menschen von seiner Sünde überhaupt eine Stellvertretung möglich sei, ist in der jüdischen Anschauung unmöglich. Eine solche Lehre widerspricht der Auffassung, die das Judentum im Einklang mit dem 18. Kapitel des Ezechiel und vielen anderen Stellen der Bibel festhält, dass jeglicher für seine Tat selbst einstehen muss und nur selbst Versöhnung erringen kann. Ganz abgesehen aber von dem Inhalt dieses Dogmas kann das Judentum/ der als ewige Nachwirkung dieses Dogmas hervortretenden Empörhebung der Liebe über die Gerechtigkeit nicht zustimmen. Und zwar wiederum auf Grund seiher Anschauung vom Wesen des Menschen. Es geht aus von dem Glauben an die eigene Kraft des Menschen zum Sittlichen, an die volle Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit. Daher konnte es garnicht eine Vorstellung ausbilden, in der Gott um der Schwäche des Menschen willen sich dem Menschen gegenüber nur als der liebende Gott betätigt und die Gerechtigkeit hinter der Liebe zurückstehen lässt, eine solche Vorstellung j- ' ■! ' -