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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1914-06-01 · 14 (6.1914) · p. Seite 10

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
8 (1914)
Issue
14 (6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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— 10 — hemmend und niederdrückend sondern kraftentfaltend wirken; und da jedes aus Kraftgefühl stammende Handeln Freude erweckt, so führt nach jüdischer Anschauung der Wille, dem Gesetz zu folgen, nicht zum niederdrückenden Bewusstsein der Sünde und der sittlichen Unzulänglichkeit, sondern er wird im Gegenteil zu einem Qaell innerer Freude. Für den Juden ist es auf Grund dieser Anschauung, mit der wir im tiefsten Innern unauflöslich verbunden sind, unerfindlich, wie man im „gesetzlichen Handeln" eine unvollkommene Form der religiösen Betätigung finden kann; im Gegenteil, uns erscheint sie — wie weit oder wie eng wir den Umfang der religiösen Gesetze gelten lassen mögen — als vollkommen. Alle Schattierungen des Judentums halten an der prinzipiellen Würdigung des Gesetzes fest, indem sie es als Wesen der Frömmigkeit erfassen, in allem Tun einem als ideal«Forderung erkannten Gesetz zu gehorchen. Wir werden die andere, vom Gesetz sich abkehrende Weise der Frömmig- ' keit als eine in sich geschlossene Eigenart würdigen, wir bleiben aber der in unserm Wesen wurzelnden religiösen Auffassung treu, die wir als die höchste empfinden. Würden wir unsere Verteidigung nur darauf beschränken, immer wieder zu behaupten und zu beweisen, dass das Judentum auch die ■ tiefe Innerlichkeit der Gesinnung verlangt, und im Hinblick auf das täglich zu beobachtende Leben der Frommen zu zeigen, wie sehr das Gesetz als Glück und Freude empfunden wird, so bliebe es ein Aneinandervorbeisprechen, denn dann bliebe der seelische 'Untergrund der verschiedenen Wertung unaufgedeckt. J Alle Apologie des Judentums muss damit beginnen, den Gegner darauf hinzuweisen, dass seine Schlüsse unrichtig werden müssen, wenn er in seinem Denken das anders geartete jüdische Bewusstsein nicht in Betracht zieht. Man bezeichnet es, — um ein zweites Beispiel anzuführen, — als den Vorzug und die unerreichte Höhe des Christentums, dass es die Liebe als den höchsten sittlichen Wert aufgestellt habe, während das Judentum die Liebe in einer so umfassenden Geltung wie das Christentum nicht kenne und die strenge strafende Gerechtigkeit allzu sehr betone. Das Judentum, — wird behauptet — lehre den strafenden und rächenden, den eifernden Gott, daher stehe auch in der sittlichen Nachfolge Gottes beim Menschen die strenge, unerbittliche Gerechtigkeit im Vordergrund. Das Christentum hingegen lehre den milden, erbarmenden Gott, dessen Liebe soweit geht, dass er zur Sühne für die sündige Menschheit sich selbst opferte, den Gott, dessen Liebe auch zu den schwachen und mit Fehlern behafteten Menschen, gegen die Sünder grenzenlos sei; daher erstehe denn auch in der sittlichen Nachfolge Gottes beim Menschen die Liebe als der; höchste, der alleinige Wert. Und so sei wegen dieser Emporhebung der Liebe das Christentum ethischer, verkörpere es eine höhere Stufe der Religion. Nun ist man natürlich auf jüdischer Seite diesem Vorwurf gegenüber nicht stumm, und es ist ja auch in der Tat ein Leichtes, aus der Bibel und dem rabbinischen Schrifttum zu erweisen, dass das Judentum Gott als den Inbegriff der Güte und Liebe predigt, und dass sich also die sittliche Nachfolge Gottes beim Menschen in der Betätigung der Liebe bewähren muss. Aber wir würden die Stellung

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