Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 14 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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widerspräche von vornherein der Grundauffassung des Judentums. Vielmehr musste in ihm mit innerer Notwendigkeit Gottes Liebe und Gerechtigkeit stets in gleichem Werte betont werden. Der gerechte Gott zieht den Menschen, der von seiner Willensfreiheit einen schlechten Gebrauch gemacht hat, zur Verantwortung, er kann ihn zur' Verantwortung ziehen, eben weil er ihn mit der •ungebrochenen Kraft zum Guten begnadet hat. Doch dieser gerechte Gott ist zugleich der Gott der Liebe, der dem Menschen seine Verzeihung jederzeit zu schenken gern bereit ist, der seine Freude nicht am Untergang des Frevlers hat sondern daran, dass er zu einem besseren Leben sich durchringt, der auch dem Sünder gegenüber voll Mitleid und Erbarmen ist. So vermählen sich im Bilde Gottes Liebe und Gerechtigkeit, wachsen Gerechtigkeit und Liebe in unauflöslicher Verbindung empor, und dementsprechend werden auch in der sittlichen Nachfolge Gottes vom Menschen Liebe und Gerechtigkeit gefordert. Der Mensch bekennt seinen Gott, indem er ihm nachstrebt und an den Geschöpfen Gottes Gerechtigkeit und Liebe übt; und wer die Rechtsordnung zerstört hat, muss aus seiner Kraft seinen Teil zu der Wiederherstellung des Rechtes beitragen, seine Reue und Busse und seine bessere Tat müssen aus ihm fiiessen, damit erfüllt der sündige Mensch Gott gegenüber die Forderung der Gerechtigkeit. So erhebt sich dem Menschen, eben weil er die sittliche Kraft ungebrochen in sich fühlt, die Gerechtigkeit in gleichem Rang mit der Liebe zur Pflicht. Daher vollzog das Judentum die eigentümliche Begriffsschöpfung der „Zedakah1", in der Liebe und Gerechtigkeit sich untrennbar vereinen, und nennt den, der sie übt, den „Zaddik": fromm. Und es kann sich dabei rühmen, dass es so die Einheit von Religion und Leben an einem gefährdeten Punkte gewahrt hat, denn das Leben kann sich in seiner Ausprägung in menschlichen Gemeinschaften nicht auf die frei sich schenkende Liebe gründen, es kann die Forderung der Gerechtigkeit nicht entbehren, und es heisst die Einheit von Religion und Leben in Frage stellen, wenn für das religiös-ideale und für das reale Leben nicht die gleichen Werte gelten. Und es ist für den Juden eine innere Genugtuung und die Bestätigung und Rechtfertigung seiner Denkweise, dass alle modernen Staaten in steigendem Masse dazu übergehen, die sozialen Pflichten nicht bloss als Bekundungen der Liebe zum Nächsten zu fassen, sondern als Forderungen der Gerechtigkeit durch Gesetz festzulegen, und so praktisch sich zu der unauflöslichen Verbindung von Liebe und Gerechtigkeit bekennen. Erst eine solche Aufklärung führt zu einer richtigen Würdigung der jüdischen Denkart, dass die Ineinssetzung von Liebe und Gerechtigkeit der Ausdruck idealer Sittlichkeit ist, und dass es durchaus nicht der höchste Gipfel der ethischen Anschauung ist, wenn das Christentum in seiner Weise Idie Liebe zur Alleinherrscherin im Reiche der Sittlichkeit erhebt.