Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 14 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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die seelischen Voraussetzungen ihres religiösen Gefühls als die Grundlagen, des religiösen Gefühls schlechthin; sie bezeichnen alles, was als religiös und sittlich wertvoll gilt, als Erbgut des eigenen Bekenntnisses] sei es, dass sie die Priorität der Gedanken, sei es, dass sie die unerreichte Höhe und Intensität der Lehren für sich in Anspruch nehmen. Demgegenüber ist es eine sittliche Pflicht für uns, die Ehre und Reinheit des Judentums zu verteidigen. In einer doppelten Richtung bewegt sich diese unsere Verteidigung; wir können nachweisen, dass die Gedanken, die in der heutigen Kulturwelt sich durchringen und als die reifste Frucht des religiösen Denkens gelten, inmitten Israels zuerst ausgesprochen und in die Tat umgesetzt worden sind. Und wir können ferner nachweisen, wie falsch die Behauptung ist, dass das Christentum die heute zum Gemeingut aller Bekenntnisse gewordenen Lehren, wie Nächstenliebe, Gotteskindschaft, inunerreichter Stärke und Lebendigkeit ausgeprägt habe. So wertvoll und notwendig nun diese Art der Apologie ist, sie hat doch auf die Dauer etwas Unbefriedigendes. Das liegt daran, dass die Gedanken dabei allzusehr auf ein ausserhalb der eigenen Anschauung Liegendes eingestellt sind, dass dabei nicht ausschliesslich aus dem frohen Kraftgefühl des Starken heraus gedacht und gehandelt wird. Es gewinnt den Anschein, als wäre schon jener Nachweis als ein der Mühe wertes Ziel zu betrachten, dass die eigene Anschauung hinter der der herrschenden Mehrheit an Wert und Stärke der sittlichen Empfindung nicht zurückstehe. Solange man in der Verteidigung des Judentums bei dieser Art der Apologie stehen bleibt, macht man damit geradezu das Zugeständnis, dass man die Position des Christentums für unanfechtbar halte. Soll die Verteidigung des Judentums uns voll befriedigen, so können wir uns der Notwendigkeit nicht entziehen, bei aller Würdigung der Ueberzeugang des Andersdenkenden das Wesen der eigenen Anschauung zu betonen und aus ihrer Eigenart zu begründen. - Das wird am wirkungsvollsten dadurch geschehen, dass man aufdeckt, wo die landläufigen Angriffe gegen das Judentum aus seelischen Voraussetzungen emporwachsen, die eben andere sind als die jüdischen. Dadurch tritt im Gegensatz zur fremden Denkart der Ausgangspunkt und die Richtung der jüdischen religiösen Denkart schärfer hervor. Wie aus einem bestimmten bald zu nennenden Unterschied zwischen jüdischer und christlicher Lehre sich gewisse typische Angriffe erklären, das sei an zwei Beispielen gezeigt. Es ist in der christlichen Theologie üblich, dem Judentum, sowohl wie es zur Zeit Christi die Pharisäer ausgeprägt hatten, als auch in seiner späteren Entwicklung, seine Neigung zur „ Gesetzlichkeit" als schlimmen Makel vorzuwerfen. Das Judentum habe das „Gesetz" zum obersten Prinzip erhoben, infolgedessen habe sich alle Frömmigkeit darauf richten müssen, möglichst pünktlich und genau den Geboten zu entsprechen, dadurch aber sei dem religiösen Handeln die Gesinnung, die Innerlichkeit abhanden gekommen, sei alles religiöse Tun äusserlich, schwunglos, starr geworden, das Verhältnis voif Mensch zu Gott habe sich in ein juristisches Vertragsverhältnis ohne Innigkeit wandeln müssen. Wenn man einmal erst das „Gesetz" das religiöse Tun