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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1914-06-01 · 14 (6.1914) · p. Seite 6

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
8 (1914)
Issue
14 (6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Saft und Blut, Natur und Wirklichkeit. Keine Polemik und keine Abstraktion hat diese Gedanken erkünstelt. Jetzt ist sogar auch die Abstraktion des Menschen, jedes Menschen, des Mitmenschen übertroffen und überwunden. 1 Es gibt für dieses geschichtliche Urbewusstsein nur Einheimische und Fremdlinge. Aber die Fremdlinge bleiben nicht Fremde im religiösen Sinne: das Gebot der Liebe ist in ihnen erstandea Damit ist die Nächstenliebe wahrhaft zur Menschenliebe geworden. Welche Entwickelung und welche Aufrichtigkeit hätte die politische, hätte die geschichtliche Kultur gewonnen, wenn statt der Phrase der Nächstenliebe das prägnante Gebot dir Liebe des Fremdlings zum Grundgesetze der Religion gemacht worden wäre. Unsere gegenwärtige Politik würde nicht so heuchlerisch der Religion Hohn sprechen, wenn die Ausdrücke der „fremden Volkselemente" oder gnr der „Fremdkörper" in der Sprache einer anständigen Politik unmöglich wären. Die Politik ist kein Kinderspiel. Gewaltige Schwierigkeiten bilden ihre dauernde Aufgabe. Aber das Grundgesetz der Sittlichkeit und hoffentlich daher auch der Religion ist die Liebe zu allem, was Menschenantlitz trägt. Und diese Forderung erhöht sich, wenn in diesem Antlitz nicht die Züge des eigenen, als des bevorzugten Stammes, hervorleuchten. Am Fremdling verliert auch der Ausdruck der Liebe seine Ueberschwänglichkeit. Jeder Mensch könnte mir gleichgültig werden; der Fremdling aber lockt ästhetisch mit Natürlichkeit mein Interesse hervor. Und ethisch werde ich zu seiner Schonung, zur Hütung seiner Rechtsfähigkeit aufgefordert. Das ist tätige, wahrhaftige Liebe: Sympathie mit dem Fremden, der zunächst als solcher mich zur Aufmerksamkeit reizt: dass er nur nicht etwa mich abstosse! Wenn der ästhetische Sinn mich nicht vor Inhumanität ausreichend schützt, so soll es die Religion tun: du sollst den'' Fremdling lieben, wie dich selbst. Man erkennt bei dieser Fassung des Gebots auch besser, dass die eigentliche Uebersetzung lauten müsste: er ist wie du selbst; er ist dir gleich. (Vergl. Allg. Ztg. d. Judentums 1894, S. 269.) Diese menschliche Wesensgleichheit führt man sich viel genauer undherzhafteramFremdling zu Gemüte als an dem sogenannten Nächsten, bei dem man schliesslich doch immer nur an dem Allernächsten hängen bleibt. Dafür will ich keine Zitate anführen. Die jüdische Wertung des Gesetzes und der Gerechtigkeit. Von Rabbiner Dr. Max Dienemann in Ratibor. Als eine allerorten in der Minderzahl befindliche und dartim ständigen Angriffen ausgesetzte Gemeinschaft sind wir Juden unausgesetzt darauf angewiesen, unsere Lehre zu verteidigen. Es Hegt in der Natur der Sache, dass die religiöse Anschauung der Mehrheit von ihren Wortführern als die selbstverständliche und einzig mögliche Denkart hingestellt wird; sie betrachten

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