Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 14 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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"Wir wollen hier nicht die noch immer nur dem Juden obliegende Sisyphusarbeit wiederum auf uns laden, den Lesern die hundertmal bewiesene philologische Tatsache nochmals zu beweisen, dass R e a im Alten Testament keineswegs nur den Volksgenossen bedeute, sondern den andern) (alter).. Wir erinnern nur wieder an den Grundgedanken unserer Betrachtung. Sollte etwa das Alte Testament bei dem Gebrauche „einer und der andere" immer vorsichtig daran vorzudenken gehabt haben, dass einmal eine Religion aus ihr selbst hervorgehen wird, die ihr den Ursinn ihres Gottesglaubens streitig machen könnte? Rea bedeutet den andern, und dieser ist freilich manchmal auch der andere Volksgenosse. Wie könnte es anders sein, da ja die Bibel nicht nur ein Religionsbuch ist, sondern auch ein nationales Geschichtswerk, und endlich auch ein Buch der Rechtssätze und der Staatslehre. Aber darum bedeutet Rea nicht überhaupt den Volksgenossen. Oder hat der D e k a 1 o g etwa das Verbot des falschen Zeugnisses nur dem Juden gegenüber gemeint? Oder das des Gelüstens nach deines anderen, deines Nächsten Haus, noch nach allem, was deinem Nächsten gehört, nur auf den Juden bezogen? Ist das etwa die Frucht von der bibelkritischen AnDahme, dass der Dekalog im Zeitalter der Propheten geschrieben sei, dass man dem höchsten Erzeugnis dieses Zeitalters eine solche Frivolität zutrauen darf? Es genügt vielleicht, dass wir den Leser bitten, den 15. Psalm zu lesen: „Wer wird auf den Berg des Ewigen steigen?" Unter allen den schlichten, aber entscheidenden Bedingungen für den Aufstieg zur sittlichen Höhe heisst es da: „Wer nichts Böses tut seinem Rea". Ist das auch nur der Nächste, also der Volksgenosse? Wer den Psalm liest, kann auf einen so hässlichen Widersinn nicht verfallen. Nun aber komme ich zur Hauptsache. Der Verfasser hat richtig und scharf die wunde Stelle in dieser falschen deutschen Uebersetzung des „Nächsten" getroffen. Wie mag nur Luther darauf gekommen sein? In der Septuaginta und der Vulgata steht der Nahe nur im Positiv. Aber schon der Nahe ist vom. Uebel. Der Fernste soll gemeint sein. Genau so hat das Alte Testament in seiner Naivetät die Erläuterung seines Grundgesetzes auf dieses selbst folgen lassen. In demselben Kap. 10 heisst es Vers 33: „Und wenn weilet bei dir ein Fremdling in eurem Lande, so sollt ihr ihn nicht hintergehen. Wie ein Eingeborener von euch sei er euch, der Fremdling, der bei euch weilet, und du sollst ihn lieben, wie dich selbst. Denn Fremdlinge seid ihr gewesen im Lande Aegypten. Ich bin der Ewige, euer Gott." In solcher Urwüchsigkeit des Gefühls redet eine urwüchsige Religion. Der Fremdling sei euch wie der Eingeborene,' und du sollst ihn lieben, wie dich selbst. Der Fremdling war es, der das Gebot der Liebe entstehen Hess. Im Fremdling wurde der Mensch erkannt. Die Liebe zum Fremdling ist das Urmotiv der Menschenliebe. So wird die Steigerung verständlich vom Verbot der Rachsucht gegen den Volksgenossen zu dem Gebot der Menschenliebe. Dieses Gebot ist keine kahle Abstraktion, sondern es erblüht aus dem nationalen Bewusstsein der ägyptischen Knechtschaft. Alles ist hier