Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 14 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4908657-6349536-6349581--210-4908846- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Satzes im Neuen Testament. Und er versäumt auch, sich auch dort auf die anderen Stellen, besonders auf die Hauptstelle Matth. 22, 37, zu beziehen, an der ohne jede Spur der Polemik das Gebot einfach neben dem der Liebe zu Gott von Christus selbst zitiert wird. Es wäre übrigens schon Sache der philologischen Exegese, die Annahme zu prüfen und als ein träges Vorurteil zu erkennen, dass bei copulativ verbundenen Sätzen das Subjekt des Folgesatzes genau dieselbe Bedeutung haben müsste, wie das des Vordersatzes, dass nicht vielmehr eine Steigerung und Verallgemeinerung dabei eintreten könnte. "Wenn der Vordersatz die „Söhne Deines Volkes" apostrophiert, so hat dies seinen verständlichen Grund gegenüber dem Laster der Rachsucht. Der Nachsatz dagegen erhebt sich im Gebote der Liebe zu "einer Verallgemeinerung, die der Begriff der Liebe, der neue Begriff der Menschenliebe zur Entstehung bringt. Man unterdrückt die Neuheit der Menschenliebe, wenn man durch die Gleichsetzung des Mitmenschen mit dem Volksgenossen über die Steigerung hinwegsieht. Dass es sich aber um einen neuen Begriff bei der Menschenliebe hier handelt, das wird aus dem Folgenden klar werden. Uebrigens sind solche Abschlüsse, die den Gedanken weiterführen, abrunden oder auch mit einem Spruch wort zusammenfassen, nicht selten in der Sprache der Bibel. Die Rücksicht auf den Sprachgebrauch erstreckt sich alsdann auch auf die verwandten Quellen. Die Bibelexegese des alten Testaments erfordert erstlich an und für sich selbst, insbesondere aber bei einer Gegenüberstellung zum neuen Testament unbedingt d}e gründliche Bezugnahme auf die zeitgenössische rabbinische Literatur, in der dieselben Schriftgelehrten, welche angegriffen werden, in vergleichbarer Naivetät noch sich aussprechen. Die Frage: "Wer ist mein Nächster? wird im Talmud mehrfach behandelt und im Sinne des Monotheismus klar und lichtvoll gelöst. Der einzige Gott kann nicht zweierlei Menschen geschaffen haben. Den Schlusssatz dieses und ähnlicher Gebote: „Ich, der Ewige" deuten sie dahin: „Ich habe ihn erschaffen". Man würde bei solcher erweiterten Quellenbenutzung auch erfahren, dass es sich bei diesen Fragen nicht um das „erste und vornehmste" Gebot handelt sondern vielmehr um den „grössten Inbegriff der Lehre" (bbi).1) , Uebrigens aber dürfte auch den Gesichtspunkt der inneren Kriterien die Literaturgeschichte sich nicht hinter den Scheffel stellen. Wenn einmal unbestreitbarerweise eine Religion den einzigen Gott verkündet hat, der in seinem Bilde den Menschen, nicht nur den Juden, erschaffen hat, und wenn aus diesereinzigen Gotte allgemach anerkannterweise die einige Menschheit hervorgeblüht ist, so dürfte doch wohl der sogenannte Nächste nicht durchaus und schlechthin den Volksgenossen zu bedeuten haben, damit nur erst das Neue Testament daraus den Menschen überhaupt zu machen gehabt habe. Fordert die literaturgeschichtliche Schablone keine feineren Unterschiede? Oder fordert die Kulturansicht einer religiösen Differenz durchaus diese Gegensätze der Humanität? l) vergl. Güdemann, Nächstenliebe (Oesterreich. Wochenschrift 1891 S. 670). I