Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 14 (6.1914)
- Date
- 1914-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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eines Volkes, für den es keine Vorbilder gibt in seiner Selbstoffenbarung; der nur im Inhalt seiner Schöpfungen andere Menschen und andere Völker kennt. Das Neue Testament dagegen, wie sehr es immer zu der Botschaft an alle Völker aasreifen will, erwächst dennoch nicht naiv aus seinem Volke, -sondern in der Reflexion und der Kritik über dasselbe. „Es ist euch gesagt . . . ich aber sage euch." Das ist das Grundschema der Evangelien. Die nationale Religion soll übertroffen werden. Und dass diese selbst sich übertroffen hatte, indem sie den Messianismus der Weltreligion erschuf, das sollte, das musste zurückgedrängt werden. Denn die Kritik war ja gegen einen anderen Inhalt der überkommenen Religion gerichtet, nämlich gegen das Gesetz, welches damals vornehmlich das Opfergesetz war; das in Verfall gekommen war, so dass die Zerstörung des Tempels nur den äusseren Abschluss der inneren Katastrophe bildet. Um so tiefer sank die Autorität des Gesetzes; um so höher stieg die Hoffnung, dass eine bessere Religion den Menschen erstehen könnte, wenn sie das Gesetz erst begraben hätten. Und wie immer positiv die neue Religion sich ausrüsten mochte; ihrer literarischen Produktion war die naive Volkskraft entschwunden: sie musste zur Kritik, zur Polemik sich aufreizen und entflammen. Auch dabei werden gewaltige Stilkräfte erweckt und ursprüngliche Quellen des religiösen Bewusstseins ergiessen sich; aber die Reinheit der Naivetät kann da nicht vorhanden sein, wo Polemik zur inneren Triebkraft werden muss. Diesen schlichten Unterschied hat vielleicht nicht einmal gründlich genug die Bibelforschung begriffen. Es ist daher kein Vorwurf, wenn die öffentliche Literatur von diesem Gesichtspunkte noch nicht allgemein geleitet wird. "Wirdenken hier an einen Artikel, der im „Zeitgeist" (Nummer 68) unter der Ueberscbrift „Nosismus" erschienen ist und in dem Professor K. 0. Erdmann - Dresden die verschiedenen Stufen des Egoismus behandelt. Er legt ein gutes Wort für die engeren Gemeinschaften ein, dass sie nicht unter das Verdikt des Egoismus fallen sollen. Er kommt dabei zu einem sehr feinen Lichtblick: „Warum heisst eigentlich jeder Mitmensch in der biblischen Sprache der Nächste? Sicherlich käme der e-.trem altruistische Gedanke viel reiner zum Ausdruck, wenn es hiesse: „Liebe auch den Fernsten, wie dich selbst". Anstatt nun aber zu fragen, ob im hebräischen Urtexte des Alten Testaments das entsprechende Wort den Nächsten bedeutet, argumentiert der Verfasser unmittelbar aus seiner religiösen Ueberzeugung heraus. Im Neuen Testament ist ja das Gebot nur ein Zitat aus dem Alten, und da ist „nur der Volksgenosse, wahrscheinlich sogar nur der Familienangehörige gemeint". Und worauf stützt sich diese Annahme? Weil 3. Mos. 19, 18 von dem Gebot der Nächstenliebe es heisst: „Du sollst nicht rachgierig und nachträgerisch sein gegenüber deinen Volksgenossen", „sondern (nicht: „aber'1!) „liebe Deinen Nächsten wie dich selbst". Und diese Anmerkung wird begründet durch eine Exegese von Lukas 10, 25—37. Der Verfasser sucht si<jh also den ihm selbst in der deutschen Uebersetzung fraglich gewordenen Nächsten nicht aus dem Sprachgebrauche des Alten Testaments zu erklären, sondern aus einem Zitat des