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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1914-06-01 · 14 (6.1914) · p. Seite 2

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
8 (1914)
Issue
14 (6.1914)
Date
1914-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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- 2 — dor Religion gelegen. Ans diesem Gesichtspunkte behauptet die alttestamentliche Wissenschaft ihre Selbständigkeit gegenüber der Religionsgeschichte. Eines aber ist der Bibelwissenschaft von der Religionsgeschichte über allen ängstlichen Zweifel klargemacht worden: dass sie die Heilige Schrift als Gebilde einer nationalen Literatur unter allen Mitwirkungen der Zeitgeschichte, sowie der internationalen geistigen und politischen Verbindungen alle.r Art auffassen und erforschen darf. So behandelt man jetzt das Alte Testament als eine Sammlung von Literaturprodukten, und seine einzelnen Bücher werden nach der Methode der Literaturgeschichte erforscht und erklärt. Aber die Mängel und Schwächen, die mehr oder weniger störend bei der Pflege der allgemeinen Literaturgeschichte fühlbar werden, zeigen sich auch hier. Das Interesse am Material in seiner Eülle und Mannigfaltigkeit schwächt die Scheidekraft für feinere Fragen der Qualität und deren intime Beziehungen. Dass es eine Aesthetik geben dürfte, die für solche Probleme von der Literaturgeschichte zu konsultieren wäre, das wird verleugnet. Wer den Stoff beherrscht, bei dem ist die Kraft. Und das literarische Material selbst ist ein hinlängliches Problem. Es gibt für die Schaffenskraft, die in der Literaturwelt sich verwirklicht, keine Normen, die nicht in dieser selbst gelegen wären. Da die Literaturgeschichte die Prinzipien einer ästhetischen Methodik ablehnt, so wird daher auch der Segen ihrer Anwendungen zweideutig. Was ist damit geholfen, wenn die Schablonen der Literatur auf die Religionsgeschichte übertragen werden, wenn man nur Epos, Lyrik und Drama noch genauer an diesen Stoffen unterscheidet, als man dies zu tun in früheren unschuldigeren Zeiten immerhin auch gebildet genug gewesen war? Wissenschaftlich, im wahrhaft methodischen Sinne, kann die Bibelforschung nur dann erst werden, wenn sie die fundamentale Stildifferenz der beiden Testamente zu ihrem leitenden Gesichtspunkte macht. Das' Alte Testament ist ein reines nationales Literaturprodukt. Es ist zwar keineswegs eine Robinsonade. Das Volk Israel ist von den ersten Anfängen an in seiner Umwelt gedächt. Abraham soll „zum Segen werden für alle Familien der Erde". '* Und der letzte Sinn der Religion, welche die Propheten dieses Volkes offenbaren, ist die Sendung Israels an die Menschheit. „Es ist zu gering, dass du mir Knecht seiest, die Stämme Israels aufzurichten . . T zum Lichte der Völker habe ich dich gegeben." So lässt sich Jesaja (40,6) von seinem Gotte inspirieren. In solcher Schärfe hat kein Held der religiösen und der profanen Weltliteratur gegen den Nationalismus sein universelles Haupt erhoben, wie dieser Prophet des Exils. Und dennoch ragen die Völker nur wie ferne Spitzen aus dem Nebelmeer - dieser alttestamentlichen Dichtungen hervor. Naiv, wie es in ihrem Bodengrunde alle Epen sind, so sprechen mehr oder minder klar oder dunkel, glänzend hell oder düster und versonnen alle Schriften des alten Bandes. Gemeinsam ist allen der Stilcharakter der Naivetät, der vielleicht weniger im Gegensatze zum Sentimentalen besteht als in der Unbekümmertheit um alles, was sonst in der Welt vorgeht, oder dagegen verlauten könnte. Hier spricht der Urgeist

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