Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1913-05-01 · 13 (5.1913) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
7 (1913)
Issue
13 (5.1913)
Date
1913-05-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/4908657-6349535-6349577--200-4908838
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I — 12 — Thora bedeutet Lehre, besonders religiöse Lehre. Die Thora Moses ist ursprünglich eine Zusammenfassung seiner Lehren; andere setzten die Lehre Moses, fort und brachten ebenfalls Thora. Die Thora enthält sicherlich sehr viele Vorschriften und Gesetze, denn sie sollte ein Leitfaden fürs Leben sein, aber der Begriff Thora deckt sich nicht mit dem des Gesetzes, die Thora enthält weit mehr. Sie ist auch nicht mit dem Pentateuch identisch, sie ist ebenso in den andern Büchern der Heiligen Schrift enthalten und umfasst schliesslich neben der geschriebenen auch die mündlich entwickelte Lehre. Auch Esras Belehrung war Thora. Sie stand keineswegs im "Widerspruch mit der Lehre der Propheten, er wollte nur fortsetzen, ins Leben übertragen, was jene gepredigt hatten: „Es schien Esra nicht genug, die Lehre zuerkennender Jude musste danach handeln und leben" (S. 66). Damit war eine neue Lebensführung, die Uebernahme von Pflichten geboten, vou Esra an beherrscht die Thora das gesamte Leben, sie wird jedem einzelnen Juden massgebend für sein Verhalten. „Die Folge davon, dass die Thora die Führerin des Lebens, die höchste Autorität in der Religion wurde, war eine Vertiefung des Geisteslebens des gewöhnlichen Juden; das gab ihm ein stärkeres Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeit und gewährte ihm die Möglichkeit von religiösen Erlebnissen, die ihm sonst vielleicht niemals zugänglich gewesen wären. Die Wirkung jener Verherrlichung der Thora war nicht, wie so oft behauptet wird, eine Hemmung und Verhärtung des Seelenlebens der Juden, eine Verengung durch Einschliessung in bestimmte Grenzen und Unterdrückung durch festgelegte Vorschriften. Man kann nicht sagen, dass das niemals der Fall gewesen ist, denn es ist nicht klug, negative allgemeine Urteile auszusprechen, aber sicherlich war das nicht die hauptsächliche oder die gewöhnliche "Wirkung. Die Thora gestaltete die Religion der Juden weit persönlicher und individueller, als sie vorher gewesen ist, und sie bewirkte das, indem sie dem einzelnen nicht lediglich die gesetzmässige Verpflichtung auferlegte, sondern indem ,sie auf ihn die prophetische Begeisterung übertrug, ihm die Freude und das Erlebnis der persönlichen Vereinigung mit Gott und nicht zuletzt den hohen Vorzug, ihm dienen zu dürfen, zu ahnen ermöglichte. Die Einführung der Thora war nicht das Zeichen für einen Abstieg im religiösen Leben des Volkes, vielmehr der Anfang eines neuen, zielbewussten Fortschritts, und während vorher die Propheten in unerreichbarer Höhe geschwebt und das Volk auf einer ziemlich niedrigen Stufe geistiger Empfänglichkeit zurückgelassen hatten, ist in;der Folgezeit eine ausserordentliche Entfaltung des stelischen Lebens in den grossen Massen des üdischen Volkes wahrzunehmen" (S. 72 f.). Die Thora bedeutet nicht, wie stets behauptet wird, lediglich das Gesetz, sondern alles, was zur Religion gehört. Niemals wurde der Begriff Thora zu dem des reinen Gesetzes verengt, man kann eher umgekehrt sagen, dass, je weiter das von Esra begründete Prinzip durch die Pharisäer und die Lehrer des Talmuds zur Entfaltung gebracht wurde,. desto mehr die Thora als Gesamtheit der göttlichen Offenbarung in ihrem vollen, reichen Inhält zur Geltung kam „Und wenn sie ihre Befriedigung darin fanden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.