Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 7 (1913)
- Issue
- 13 (5.1913)
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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L Jede neue Lehre muss, um sich durchzusetzen, als Opposition gegen die altere, die sie beseitigen' will, auftreten: sonst wird sie nicht den Eindruck und die Schlagkraft einer neuen ausüben. Deshalb muss eine Schrift, die sich als Grundschrift einer neuen Lehre Anerkennung und Geltung verschaffen will, durch und durch impulsiv sein. Dieser Charakter eignet der Thora in hohem Grade, und macht sie, wie auch die Kritik über sie urteilen mag, zu einem Buche, das innerhalb des Judentums traditionell und unbestritten als sein Ursprungszeugnis und seine Grundschrift anerkannt worden ist. Diese in die entlegensten Zeiten zurückgehende, niemals unterbrochene Tradition des Judentums ist aber die verlässlichste und unanfechtbarste Kritik. Die Opposition der Thora richtet sich nun zwar mit gleicher Heftigkeit gegen die verschiedenen vorderasiatischen heidnischen Kulte, über deren Wesen wir immer noch am besten durch sie unterrichtet sind, es ist aber in den geschichtlichen Vorgängen begründet, dass Aegypten und sein Milieu in erster Reihe der Gegenstand dieser Opposition ist, was der Darstellung der Thora die' ihr eigene Färbung und Richtung verleiht. Fast jeder Satz in der Thora ist ebenso ein Wegweiser nach einer neuen Weltanschauung, wie er ein Hinwegweiser aus dem Gedankenkreise Aegyptens ist. Diese zwar bekannte,"weil jedem aufmerksamen Leser sich aufdrängende Tatsache ist dennoch nicht genügend für das Verständnis der Thora verwertet worden. Ich habe an einem anderen Orte gezeigt, dass von diesem Gesichtspunkt aus es der Thora geradezu geboten erscheinen musste, das Jenseits und die Unsterblichkeit mit Stillschweigen zu übergehen, denn in Aegypten war das Leben vollständig von dem Jenseits beherrscht, und zwar von einem Jenseits, das man sich als die ewige Fortsetzung irdischer Hantierungen und irdischer Lustbarkeiten vorstellte. Vergegenwärtigt man sich die schädliche Rückwirkung, die eine von derartigen Vorstellungen beherrschte Anschauung vom Jenseits auf ^die Auffassung und Behandlung des Diesseits ausüben musste, so begreift man, dass dieVThora dadurch, dass sie alles Eschatologische bei Seite Hess, die darauf bezüglichen ägyptischen Lehrmeinungen am wirksamsten bekämpfte. Damit erledigen sich die mannigfachen Erklärungen und Vermutungen, womit man der Thora wegen ihres Schweigens über die Unsterblichkeit und das Jenseits, sowie wegen ihrer Beschränkung auf die irdische Belohnung zu Leibe gegangen ist. Man hat eben über ihrem absichtlichen Schweigen im Punkte^des Jenseits übersehen, was sie zu Gunsten des Diesseits angestrebt und geleistet hat. Es ist das unvergängliche Verdienst der Thora, der Menschheit das Diesseits geschenkt, dem irdischen Leben Sinn und Inhalt verliehen zu haben. Leben, diesseitiges Leben, aus dem übrigens das jenseitige als das bessere und höhere sich von selbst ergibt, ist daher naturgemäss der immer wieder betonte Grundgedanke und der Triumph der Thora gegenüber der ägyptischen Weltanschauung, die, weil sie das erstere nicht zu würdigen wusste, das letztere herabwürdigte.J) ') S. meine Schrift: Das Judentum in seinen Grundzügen. S. 50 ff. «