Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4908657-6349534-6349575--162-4908803- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 15 - die wir führen, eine Sondertümelei, oder ist sie nicht vielmehr die Sache der Menschheit, die Sache der kommenden Taget! Leopold von Ranke hat es ausgesprochen: „Das Ghrösste, was dem Menschen begegnen kann, ist es wohl, in der eigenen Sache die allgemeine zu verteidigen". Das ist das einzige, dessen wir uns rühmen wollen: wir haben unseren Platz, aber auf ihm verteidigen wir ein allgemein Menschliches, die Hoffnung der Zukunft. Hierin finden wir unsere Grösse, und Grösse kann doch wohl mehr sein als Fülle und Herrschaft. Das ist der tragende Satz unseres Programms, des Programms der Opposition: nicht Macht, sondern Grösse! Im Bewusstsein dessen sehen wir um uns und blicken wir in die Zukunft hinaus. Der Richter, der in tausend Jahren sein wird, mag dann entscheiden. "Wir hoffen auf den Richterspruch der Geschichte. Aus der Ethik des Maimonides. (Moses Maimonides (1135—1204) hat in seinem grossen Religionskodex Mischne Thora (Wiederholung der Lehre) der aus 14 Büchern besteht, das erste Buch Sepher ha-Madda (Buch der Erkenntnis) der Ethik des Judentums gewidmet. Die folgenden ethischen Lehrsätze sind im Abschnitt) Hilchot Teschuba (Ueber Busse), Kapitel 10, §§ 1 — 6 (enthalten. Der wortgetreuen Uebersetzuiiej ist nur die Fundstelle der von Maimonides angeführten Talmudstellen beigefügt. Man darf nicht dornten; Ich will die Gebote der Lehre erfüllen und mich mit ihrer Erkenntnis befassen, damit ich all' die Segnungen erfahre, die in der Lehre verheissen sind, oder damit ich des ewigen Lebens teilhaftig werde; ich will mich von den Sünden fernhalten, damit ich von dem Unheil, das in der Lehre angedroht ist, bewahrt bleibe, oder damit ich des ewigen Lebens nicht verlustig gehe. Auf diese Weise darf man nicht Gott dienen. Denn wer Gott so dient, tut es nur aus Furcht vor Gott. Das ist nicht die "Weise der Propheten und auch nicht die Art der "Weisen. Auf solche "Weise dienen Gott nur die ungebildeten Menschen, Frauen und Kinder, die man zunächst anleitet, Gott aus Furcht zu dienen, bis sie die volle Verstandsreife erlangen und Gott aus Liebe dienen. "Wer aus Liebe Gott dient, der befasst sich mit der Thora (Lehre) und den Geboten und wandelt auf dem Wege der Weisheit, nicht um weltlichen Vorteils wiften, weder aus Furcht vor dem Bösen4 noch um ein Gut zu erlangen, sondern dient der Wahrheit, weil es die Wahrheit ist. Das Güte wird schon von selbst in seiner ganzen Vollkommenheit kommen. Das ist eine sehr hohe Stufe, die nicht einmal alle Weisen erreichen. Auf einer solchen Höhe stand der Patriarch Abraham, den Gott als seinen Freund bezeichnet hat, weil er Gott gedient hat aus reiner Liebe zu Gott. Das ist die Stufe der Sittlichkeit, die uns Gott durch Mose empfohlen hat mit den Woiten: „Du sollst lieben den Herrn deinen Gott .........usw.". Wenn der Mensch Gott in Wahrheit liebt, wird er auch alle Gebote aus Liebe zu ihm ausüben.