Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1912-06-01 · 11 (6.1912) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
6 (1912)
Issue
11 (6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4908657-6349534-6349575--161-4908802
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 14 — Gesichter auf Erden, und, wie ein Wort unserer Weisen sagt: „Gott hat sie alle geprägt". Es können nicht alle in derselben Weise sehen und denken und glauben, und der Fortschritt der Zeiten besteht ja nicht so sehr in dem Gleichmachen, sondern weit mehr in der Herausbildung der Fülle der Eigenart. Mag jeder auf seinem Wege Gott suchen, wenn er nur eben Gott sucht. Unser Zukunftsgedanke ist nicht sowohl das eine herrschende Bekenntnis der Zukunft, „die eine Herde unter dem* einen Hirten'.', als vielmehr — man spricht ja heute oft von den vereinigten Staaten der Kultur als einem schönen Zukunftsbild, und so könnten wir sagen: — die vereinigten Religionen der Kulturwelt; so etwa könnte unser Gedanke von den kommenden Tagen gefasst werden, die Idee von der Zeit, da „Gott einzig ist und sein Name der Einzige". Solche Humanität ist doch wohl die zuverlässigste Toleranz, die echte Duldung, die uns heisst, jedem seine Art zuzugestehen, und die damit uns das Recht wie die Pflicht gibt, zu sagen, wer wir sind und wie wir sind, wo unser Glaube seine Wege und sein Ziel findet. j jf In diesem humanen Charakter vollendet sich die Eigenart des Judentums; detm er zeigt es, dass'unsere Besonderheit keine Sondertümelei ist, sondern ein wertvolles menschliches Besitztum. Weist nicht die Entwickelung der Zeiten, zumal der Gegenwart, darauf hin? Wenn wir mit der Sympathie, mit der wir andere Religionen betrachten wollen, das 6ehen, was sich in ihnen wieder regt, was in ihnen als neues Gut im Ringen und Kämpfen der Geister erstrebt wird. was ist-es, was dort so vielerwärts ersehnt wird« von den Träumonden und . ■ l* v Suchenden? Ist es nicht, wenn wir es mit drei Worten ausdrücken sollen, dass ihre Religion einst sein möchte weniger orthodox!, weniger kirchlich, weniger konfessionell? Und wenn wir mit leinem Worte es bezeichnen sollten, könnten wiinicht fast sagen: was sie erstreben, ist doch im Grunde, dass ihre Religion jüdischer, dem Judentum näher sein möchte? Es ist kein Hochmut, wenn wir das behaupten; denn es besagt doch nur, dass es eine allgemein menschliche, ein» humane Art ist, in der wir, diese Gemeinde der Nonkonformisten, glauben. Wir hatten unsere Eigenart zuerst negativ ausgedrückt. Jetzt sehen wir es .i. utlich, wie die Grenzlinien zur Richtung nach dem Ideale werden. Wir stehen in der Opposition um Gottes Willen und um der Menschheit willen. Darum erstreben wir die Freiheit für jeden menschlichen Gedanken, die Freiheit, die nie „satt ist noch sich fertig dünkt und nie am Ende zu stehen meint, die Freiheit, die frei wird in der Ehrfurcht vor dem Ewigen und Heiligen, vor der Erhabenheit des Gottesgebotes und des Sittengesetzes. Wir erstreben das Recht und die Pflicht jedes Einzelnen, dass er es wisse*- dass die Religion ihr ganzes Wen und ihr ganzes Gebot an ihn richtet, damit jedes Haus ein Tempel des Herrn, ein Gotteshaus werde. Wir erstreben die Einheit aller Menschen, den Sieg der Humanität, dass sie alle sich zusammenfinden in dem Glauben an den einen Gott, im Streben nach allem Guten und sich dessen bewusst werden: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns alle erschaffen! Wie sollten wir lieblos handeln, der Bruder gegen den Bruder?" Ist diese unsere Sache, 4 I •-■ d-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.