Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4908657-6349534-6349575--163-4908804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wie ist die wahre liebe zu Gott beschaffen? Die Liebe zu Gott muss Btark und mächtig sein, so dass der Mensch mit seiner ganzen Seele in Liebe Gott angehört. Diese Liebe zu Gott muss so tief in ihm wurzeln, dass ihn die Sehnsucht nach Gott stets bewegt und ihn dieses Gefühl auch nicht einen Augenblick verlässt, was er auch unternehmen mag, wie es denn heisst: „Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele".- Das hat auch König Salomon (als Dichter des Hohen Liedes) mit den "Worten gemeint: „Ich bin liebeskrank". Das ganze Hohelied ist als eine Allegorie dieser Liebe aufzufassen. Unsere alten "Weisen haben gesagt (Nedarim 62 a): Man darf nicht denken, ich will die Lehre studieren, damit ich reich werde, oder damit man mich Rabbi nenne, oder damit ich den verheissenen Lohn im zukünftigen Leben erhalte. Denn es heisst: „Zu lieben den Ewigen;" alles was ihr tut, darf nur aus Liebe zu ihm geschehen. Ferner sagten di« Weisen (Aboda sara 19a): Es heisst: „Er (der Fromme) hat Gefallen an seinen Geboten aber nicht an dem Lohn seiner Gebote". So pflegten auch unsere grossen "Weisen ihren tüchtigsten Schülern insbesondere einzuschärfen (Abot I, 3 und Aböda sara ib.): „Seid nicht wie die Diener, die ihrem Herrn dienen des Lohnes wegen, sondern weil er euer Herr ist; dienet ihm aus Liebe". Wer sich mit der Thora befasst des Lohnes wegen oder um Unheil zu entgehen, der beschäftigt sich mit der Lehre nicht um ihretwillen. Wer sich aber mit ihr befasst weder aus Furcht noch wegen der Aussicht auf Lohn, sondern aus reiner Liebe zu Gott, der sie gegeben hat, der beschäftigt sich mit ihr um ihrer selbst willen (Sukka 49 b). Unsere Weisen empfehlen aber (Nasir 23 a), d/iss sich der Mensch mit der Lehre befasse, auch wenn es nicht aus interesseloser Liebe zur Lehre geschieht, denn aus dieser Art der Beschäftigung mit der Lehre entstehe später die wahre Liebe zu ihr. So kann man beim Unterricht von Kindern, Frauen und Ungebildeten zunächst nur im Auge haben, dass sie Gott dienen aus Furcht vor ihm oder damit sie einen Lohn erhalten. Wenn ihr Verstand gereift ist und sie zu höherem Wissen gelangt sind, dann enthüllt man ihnen nach und nach den wahren Zweck der Lehre; bis sie Gott erkennen lernen und ihm aus Liebe dienen. Es ist bekannt und klar, dass die wahre Liebe zu Gott nur dadurch erreicht wird, dass man sie als den höchsten Zweck des menschlichen Lebens betrachtet. Die Liebe zu Gott beruht darauf, dass man ihn erkennt. Und zwar entspricht dem Grade der Erkenntnis der Grad der Liebe. Deshalb muss der Mensch seine Kraft zusammennehmen, um die Wissenschaft zu ergründen, durch die er, soweit es Menschen möglich ist, das Wesen Gottes erkennt, wie wir das im Abschnitt über die Grundlage der Lehre ausführlich erklärt haben. / iKTttaold Ltvj, Berlin C.