Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 13 - er das für sich tue. Es kann nicht heissen: Kirche und ülaubensselbständigkeit, sondern, nur: Kirche oder Glaubensselbständigkeit. "Weil wir diese Selbständigkeit seit altera haben, darum haben wir keine Kirche bilden können, sondern besitzen nur die Gemeinden. Die Gesamtheit ist für uns in den Einzelnen. Unsere grosse Gemeinschaft gründet sich auf die gleiche Geschichte und die gleichen Ideale; sie ist nur durch den Gewisseasernst der Einzelnen zusammengehalten. So vieles Missverständnis, so mancher unnütze Wortstreit geht darauf zurück, dass der Begriff der Kirche, der uns von den grossen Gesamtheiten ringsumher seit altem als ihre Benennung vertraut ist, auch auf das Judentum angewendet wird, obwohl er doch gerade einen Gegensatz zu ihm bezeichnet. Hieran dürfen wir auch die erinnern, die den bequemen Weg von uns fortgegangen sind. Sie sind fortgegangen von unserer Gemeindefreiheit zu einer kirchlichen Gebundenheit. Sie sind fortgegangen vom Judentum, aber sie sind nicht auch übergetreten zu einer Religion schlechthin, sondern zu einer bestimmten, eingegrenzten Kirche mit ihrem Kirchenglauben und ihrer Konfession. Damit ist das dritte und letzte auch bereits ausgesprochen, was unsere besondere Art kennzeichnet, "Wie wir unorthodox und Dichtkirchlich sind, so sind wir nichtkonfessionell. Jede Kircho, die eine mehr, dio andere weniger, aber doch eine jede, ist alleingläubig, alleinseligmachend. Sie stellt ihrem Wesen nach den rechten Glauben, die Orthodoxie voran und muss deshalb erklären, dass es wahre Gläubigkeit, wahre Frömmigkeit nur in ihrem Kreise gibt. Darin besteht ihre Konfessionalität, ihre Alleingläubigkeit. Eine Konfession in diesem begrifflichen Sinne ist das Judentum nie gewesen. Wir haben immer den Religionsgedankon vorangerückt, d. h. in dem Tun des Menschen das "Wesentliche erblickt, was ihn emporhebt. Wir sagen jedem: tue deine Pflicht, übe die Gebote Gottes, dann weissf du alsbald von Gott, und dann erfährst du alsbald, wie deine Religion ist; Gott suchen, das heisst nach Gutem streben, Gott finden, das heisst Gutes tun. „Fürchte Gott und wahre seine Gebote, das ist der ganze Mensch". Damit ist das Humane vorangesetzt, das, was alle, eint, weil dessen jeder Mensch fähig ist, wohin immer die Vorsehung ihn gestellt hat. "Wohl haben wir unseren Glauben, unseren bestimmten, festen Glauben, in dem wir leben, und mit dem wir in den Tod hineingehen; wir haben unsere positive Religion, und in ihr finden wir die Religion; wir schreiben uns eine geschichtliche Sendung zu, und wir fordern von uns das Verständnis für sie; wir sind positive Juden. Aber als alleingläubig und alleinseligmachend haben wir uns darum nie bezeichnet. Es ist ein alter Grundsatz unter uns, den der Talmud schon wie ein Sittengesetz gefasst hat: „Fromme gibt es in allen Gemeinden auf Erden" — oder anders noch ausgedrückt: um fromm und gottesfürchtig zu sein, muss man nicht erst ein Jude werden. Das ist unsere unkonfessionelle Art, gläubig zu sein, unser unkonfessionelles Ideal, und in ihm gewinnen wir die innere Unabhängigkeit, den reinen Religionsgedanken zu betonen und damit jede echte menschliche Art zu begreifen, jedem Bekenntnis sein Recht und seinen Wert zu geben. Wir wissen es, dass nicht alle Menschen gleich sein können. Es gibt zu viel verschiedene Köpfe, zu viel verschieden«