Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Mann un3 mit dem Antlitz des Philosophen an, des Menschen, der trotz allem über den Dingen bleibt, über den ärmlichen, kümmerlichen Dingen, und mit eigenen Gedanken nach Anfang und Ende von allem fragt — ein Mensch, den das Leben zu Boden beugt, und doch ein Unorthodoxer! So sind die Juden auch in den schlimmsten und den trockensten Zeiten gewesen: das Licht blieb auf ihrer Stirn. Esm mag ja ein verführerischer Gedanke sein, jener orthodoxe Gedanke des fertigen Menschen, und alle Religionen ausser dem Judentum haben ihn in der einen oder anderen Fornj, und nicht nur die Religioneft; auch so manche moderne Richtung, auf welchen ^ismus" sie immer endigen mag, schwelgt in dem satten Gefühl, dass der Tag der Herrlichkeit nun angebrochen, dass alle wesentlichen Fragen beantwortet, alle Rätsel und Geheimnisse gelöst seien. Dem gegenüber ist es jüdische Art, unorthodox zu bleiben, d. h. den Respekt zu wahren vor der Unergründlichkeit und Unendlichkeit, vor der Tiefe des Rätsels und vor dem Abgrund des Geheimnisses, daran festzuhalten, dass dem Erkennen so wenig wie dem Ahnen je ein letztes Mass angelegt, ein spprrend^r Riegel vorgeschoben werden darf. Wir wissen, uns ist nur das Streben nach der "Wahrheit gegeben; kein Sterblicher hat je der Gottheit ins Antlitz geschaut. Das ist unsere Gläubigkeit, ursere unorthodoxe Art. zu glauben, und sie gibt uns den besonderen Platz unter den Religionen. In ihr liegt ein Weiteies, Wesentliches schon begründet: Wie wir die Unorthodoxen sind, so sind wir die Nichtkirchliehen. Wir hatten und haben jüdische Gemeinden, aber wir hatten nie eine jüdische Kirche; wir konnten vermöge unserer geschichtlichen Eigenart es zu einer geschlossenen kirchlichen Organisation nicht bringen. Auch das gibt uns eine Besonderheit. Bei uns ist jeder Einzelne Träger der Religion, jeder Einzelne mit der ganzen Kraft des Rechts und mit der ganzen Schwere der Pflicht sein eigner Priester, sein eigner Diener am göttlichen Wort. Das Volk, das die Rechtssicherheit des Einzelnen geschaffen hat, rühmt sich des Satzes: .Mein Haas ist meine Burga; im Judentum ist der Begriff gestaltet worden: Mein Haus ist mein Tempel. Wir dürfen es eingestehen, wir leiden oft unter dieser Fülle der Rechte, unter diesem Individualismus; er wird leicht zu einer Schwäche, sobald sich die Fragen der Macht und der Wucht einstellen. Aber mag er dann auch einen Mangel bedeuten, so ist er doch immer auch eine Kraft der Eigenart, eine starke Besonderheit gegenüber der Kirche. Denn in der Küche — und das gilt von einer jeden — glaubt nicht der Einzelne ah solcher, sor -srn die Kirche glaubt, und der Einzelne steht in diesem Glauben der Kirche. Es liegt unstreitig etwas Grosses, etwas Imponierendes oft in dieser Geschlossenheit; wir erkennen das offen an. Aber darum dürfen wir es auch offen aussprechen: In dieser Geschlossenheit ist jeder Einzelne eingeschlossen. Kirche und Glaubensselbständigkeit bezeichnen einen Gegensatz, und es ist ein unmögliches Werk, ihn einfach überbrücken zu wollen. Man kann nicht eine Kirche haben wollen und doch die unkirchliche Glaubensselbständigkeit für jeden Einzelnen verlangen. Jede Kirche, wie immer sie sei, muss'es sich vorbehalten, dass sie den Ausdruck des Glaubens für alle ihre Glieder massgebend bestimme; sie kann es dem Einzelnen nicht zugestehen, dass