Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 11 — fragenreich und übriglassend. Zu der Bibel kam dann die mündliche Lehre, der Talmud, und auch Beine Art ist es, dass er nie und nirgends fertig ist. Dasselbe sehen wir im Mittelalter. In ihm ist eine Besonderheit die Fülle von Kommentaren, die sich Schicht um Schicht übereinander erheben. Kaum ist ein "Werk erschienen, so bemächtigt sich seiner alsbald der Widerspruch und schreibt einen Kommentar, und zu dem Kommentar tritt dann alsbald der neue Widerspruch, der Super¬ Kommentar, und zu ihm der Super-super-Kommentar und so oft bis ins dritte Glied. Es wäre leicht, darüber zu spotten; aber es liegt etwas Tiefes, Ernstes darin: der Sinn für die Endlosigkeit alles Wissens, das Gefühl dafür, dass eine Frage nie abschliessend beantwortet, nie letztlich erledigt ist, dass sie immer wieder aufgenommen, immer wieder anders gefasst werden muss. Hierin scheiden sich die Anschauungen. Der Orthodoxe ist der fertige Mensch, der seine endgültigen Antworten hat, seine Sätze besitzt, die alles erledigen. Der Unorthodoxe ist der, der von vornherein sich dessen bewusst ist, dass er immer von neuem suchen und forschen und streben muss, dass, wie ein Wort in unseren Sprüchen der Väter Bagt, jedes Problem immer wieder umgekehrt und umgewendet werden soll, damit die neue Antwort darauf gefunden werde. Solche Unorthodoxen sind wir immer gewesen. Ja, wenn man die viel berufene jüdische Physiognomie — nicht in ihrem Muskel- und ^nochencharakter, und auch nicht in dem, was die Ghetto-Jahrhunderte mit ihrem Zwange des engsten Zusammenlebens, mit ihrer einen, alles uniformierenden Tätigkeit gegeben hatten, und was nun mit dem Aufhören des Ghetto mehr und mehr geschwunden ist und schwindet — wenn man das jüdische Antlitz in seinem geistigen, seelischen Charakter, in dem, was in ihm ausgedruckt ist, am - kürzesten kennzeichnen sollte, man könnte sagen: wir Juden haben ein unorthodoxes Gesicht. Uns steckt seit altem die Philosophie im Blute, dieses Forschen und Grübeln, dieses Prüfen und Wägen. Schon die älteste Streitschrift, die gegen das Judentum, vor etwa achtzehn Jahrhunderten, geschrieben wurde, ma^ht uns das zum Vorwurf. „Das Forschen und Grübeln", so heisst es dort, „ist die Art von Philosophen und Rabbinern", und etwas rabbinisch sind wir in dieser Beziehung wohl alle immer gewesen. Die Unkenntnis stellt sich unsere Väter im Mittelalter gern als eine Gemeinschaft von Krämern und Trödlern vor. Und Krämer und Trödler haben sie ja leider sein müssen, weil man jeden anderen Bezirk des Erwerbes vor ihnen versperrt hatte. Aber wenn sie es so auch in ihrem Erwerbe sein mussten, in ihrem Wesen sind sie es nie geworden. Inmitten ihiHt so trockenen, nüchternen Lebens haben sie immer diesen Drang zu sinnen und zu forschen, diesen philosophischen Zug sich gewahrt. Auf ihrer Stirn ist es immer licht gewesen, so, wie wir auf Joseph Israels1 Bild es sehen, dem „Sohne des alten Volkes", diesem Trödler, in dessen Gesicht so vieles seltsam sich mischt: Resignation und Spannung, Müdigkeit und Erwartung, Ergebung und Zähigkeit, und alles umrahmt von Hinfälligkeit, Armut und Elend; aber auf diesem Bilde ist doch ein Leuchten und Glänzen, alles hat sein Licht, es bekommt sein Licht von der Stirn des armen Trödlers her, und erst das gibt allem den Ausdrack, und jetzt blickt dieser t