Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber wenn wir so auch seit jeher in der Opposition sind, so treten wir doch den anderen Religionen mit bereitwilliger Anerkennung ihrer Bedeutung gegenüber. Unsere Geschichte schon hat uns die Toleranz gelehrt, und zwar nicht blosä die, die da sagt: mag jeder nach seiner Fasson selig werden. Das wäre nur die theoretische, die indifferente Toleranz. Und wir wissen es ja auch aus eigener Erfahrung, dass z. B. der grosse König, der ihr dieses bekannte "Wort prägte, in praxi sie nicht immer bewiesen hat. Die wahre, die praktische Toleranz-steht nicht bloss gleichgiltig dem andern gegenüber, sondern sie gründet sich auf die Sympathie, sie sucht in das Wesen des andern einzudringen, die Seele des andern zu verstehen. An dieser Duldsamkeit fehlt es ja leider noch oft. Und was sollen wir Armen sagen, darf doch selbst die mächtigste unter den herrschenden Kirchen, die katholische, mit Recht sich .darüber beschweren, dass man sie häufig nur nach den Aeusserlichkeiten beurteilt, nach den Röcken der Priester und nach den Kutten der Mönche! Aber wenn irgendwo, gilt in Fragen der Toleranz das Wort: „cucullus non facit monachum" „Wer den Rock kennt, der kennt noch nicht dio Seele." Erst diese Toleranz, die die Seele sucht, ist die echte Duldüng; und erst sie gewahrt dem Menschen auch die innere Unabhängigkeit zum Urteil über sich selber. Sie gibt ihm das Recht, ja noch mehr, sie gibt ihm die Pflicht, seine eigene Art deutlich zu betonen. Sich zu verstecken und sich zu verleugnen, ist nicht nur Feigheit, sondern auch Intoleranz. Intoleranz im niedrigsten, unsympathischsten Sinne. Von Toleranz und von Sympathie wegen sind wir darum befugt und sind es allen anderen schuldig, offen und frei zu bekennen, wer wir sind. Ohne Scheu und ohne Bedenken dürfen und sollen wir es aussprechen, welches unsere Eigenart ist, unsere Stellung gegenüber den anderen Religionen. •"Wie stehen wir&lso ihnen gegenüber? "Wie sind wir? Denn nicht der Inhalt des Glaubens soll hier dargelegt werden, nicht das "Wesen der Religion, für die unsere Väter gelebt haben und gestorben sind, und die uns, wie ihnen einst, Gehalt und Wert des" Daseins ist; nicht um das Was handelt es sich hier, sondern um das "Wie, um diej Art, wie wir diesen unseren positiven i Glauben ausgeprägt haben. Wie sind wir also unter den Religionen? Das erste, was unterscheidend an uns hervortritt, — aber das nun folgende Wort darf eicht in seinem Schlagwort-Sinne genommen werden, sondern nur in seiner wirklichen Bedeutung — ist der unorthodoxe Zug. Wir alle, die Konservativsten ganz ebenso sehr wie die Liberalen, sind unorthodox, und vielleicht sind es bisweilen die ersteren noch mehr gewesen als die letzteren. Es war keine blosse Laune, sondern es war ein tiefes Verständnis für die Eigenart, wenn die hervorragendsten Führer unserer Konservativen die Benennung orthodox und Orthodoxie für sich auf das entschiedenste ablehnten, wenn sie als Gesetzestreue, »ls Hüter der Tradition oder sonstwie bezeichnet werden wollten, nur eben nicht als orthodox. Mit Recht! Keine Partei unter uns ist so; orthodox wird einer immer erst, wenn er vom Judentum fortgeht. Das ist unsere alte Eigentümlichkeit: wir haben aus der Religion kein System gemacht, sie durch keine dogmatischen Formeln eingegrenzt. Die Bibel schon ist nirgends abschliessend, sie bleibt