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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1912-06-01 · 11 (6.1912) · p. Seite 7

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
6 (1912)
Issue
11 (6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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ist, in Unabhängigkeit Welt und Dasein zu werten, dass es die Einsicht in den Wert und in die sieghafte Gewalt der Gedanken ist, als deren Träger man sich fühlt, umsomehr festigt sich die Erkenntnis, dass diese Lehre fdr uns eine Energiequelle sondergleichen bedeutete und fort und fort bedeutet. Diese Lehre vor allem macht uns unempfindlich gegen die Ueberschätzung der Zahl. Durch sie verliert vor uns selbst und unserm Gewissen die Tatsache, dass die erdrückende Mehrzahl sich unsern Ideen nicht zuneigt und selbst, wenn sie auf dem Wege zu ihnen ist, dies nicht zugestehen will, ihre angreifende Schärfe. Noch mehr, sie ist der stärkste Antrieb, unsere Willen zum Widerstand gegen die Ueberzahl zu entzünden, um uns selbst zu behaupten, sie gibt dem Kampf, den wir führen, den sittlichen Grund, das gewaltige Pathos, sie steckt ihm das Ziel, in der Welt dem Grundsatz zur Herrschaft zu verhelfen, dass Geist und Ueberzeugung mehr bedeuten als die Zahl und in sich selbst unabhängig sind. Sie erzeugt in uns den Mut, der uns inmitten einer andersdenkenden Welt glauben und verlangen lässt, dass sie von der inneren Kraft unserer Ueberzeugungen ergriffen werden müsse; sie gibt uns die Möglichkeit, den Leidensweg, den wir gehen, als erhabene Geschichte zu fassen und über das Leiden hinaus die positive Leistung immer wieder zu betonen. So zeigt es sich eben immer von neuem, wie überall, wo jene Lehre von der „Erwählung Israels'1 in Taten sich umsetzt, sittliche Werte geschaffen werden und eine Steigerang der Verantwortung jedes Einzelnen für die allgemeine Ausbreitung der Sittlichkeit auf Erden hervorgerufen wird; und da es im letzten Grunde für den Wert und die innere Berechtigung einer Idee nur einen Prüfstein gibt, nämlich den, ob sie sich in ethischen Handlungen äussert und sittlich wirkt, so sind die Wirkungen jener Lehre der beste Fürsprecher für sie, der stärkste Beweis für die ethische Grundlage, auf der sie ruht. Wollte man selbst in der Lehre von der „Erwählung Israels" eine gewisse Ausschliesslichkeit erblicken, so ist zu bedenken, dass solche Ausschliesslichkeit noch nicht an und für sich verwerflich ist. Sie war durch die Verhältnisse bedingt und oft sogar — bis zu einer bestimmten Grenze — vonnöten, nm die Eigenart der eigenen Religion zu begreifen und sie vor der gefährlichen Vermischung, dem Synkretismus, zu bewahren; unsittlich und eine Gefahr wird die Ausschliesslichkeit erst dann, wenn sie im Handtain und Denken Intoleranz erzeugt. Ist uns aber das Bewusstsein der „Erwähnung Israels" nur der andere Ausdruck für das Recht und die Pflicht, aus eigenem Können und der inneren Bedeutsamkeit unserer Gedanken über Gott, Welt und Mensch unsere Stellung unter den Religionen einzunehmen, so ist damit jegliche Unduldsamkeit von vornherein ausgeschlossen. Denn dem, der dies Recht in Anspruch nimmt, wird es nie einfallen, dem Andern das gleiche Recht streitig zu machen, er kann seine Gedanken und Ziele immer nur als andersgeartet denn die des Andersgläubigen empfinden, er kann die andere Ueberzeugung als solche aus seinem eigenen Bewusstsein heraus ablehnen, aber er kann niemand, weil er andere religiöse Ideale hat, herabsetzen. Wo er gewinnen will — und im Wesen jeder Ueberzeugung liegt es, dass sie sich durchzusetzen strebt — wird er es nur durch die Wurde der eigenen Lebenshaltung wollen. Die Enge des Begriffs eines allein solig-

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