Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 6 (1912)
- Issue
- 11 (6.1912)
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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seinem innersten Kern in jener alten Lehre angebaut und ausgebildet war und längst praktisch verwirklicht wurde. Auf Grund dieser Formel erhöht sich uns nun die Ueberzeugung von der religionsbildenden Kraft des Glaubens an die „Erwählung Israels". Je stärker in ihr sittliche Motive vorherrschen, je mehr in ihr Gottes Wesen nicht als das des allgemeinen unterschiedslosen Seins erscheint, sondern als höchste sittliche "Vervollkommnung, umso lebhafter bringt sie im Menschen die sittliche Energie zur Entfaltung, umso stärker erzeugt sie das Bewusstsein, dass nur im Guthandeln der Weg zu Gott sich finden, Religion sich betätigen lässt. Und die Gewissheit, dass man einen für die Menschheit und ihre Zukunft notwendigen und unentbehrlichen Wert vertritt, der nicht verloren gehen darf, und dass dieser Wert von dem Urteil der Umwelt unabhängig ist, dass man ihm seine Existenz als Persönlichkeit verdankt, hilft immer und immer wieder dazu, zu den eigenen (Quellen der Persönlichkeit hinabzusteigen, sie aufs energischste zu bejahen und dann von ihnen aus zu den Fragen des Lebens Stellung zu nehmen; — denn alle Religion keisst ja: Stellung zum Leben und zur Welt nehmen. Zugleich aber befreit uns die so erfasste Idee von der „Erwählung Israels" von dem Vorwurf, den man auf gegnerischer Seite trotz aller Widerlegungen zu erheben nicht müde wird, dass im Judentum alles sich aufbaue auf dem Grunde eines rechnerischen Verhältnisses zu Gott, wobei Leistung und Gegenleistung sich die Wage halten müssen, und dass alle Frömmigkeit auf den Lohn gerichtet sei. Deckt sich aber Bewusstsein der Erwählung mit der Kraft, allein au? der inneren Würde seiner Ueberzeugung zu handeln, so kann im Verhältnis der gesamten Glaubensgemeinschaft zu Gott von einem solchen alle wahre Frömmigkeit zerstörenden Leben nach dem Lohne keine Rede sein. Uni die Frömmigkeit des Einzelnen in Israel soll ja getreu dem Satz: „Pur solit mir ein. Reich von Priestern sein, ein heiliges Volk" (2. Buch Mos. 19,6) nichts anderes sein, als der Anteil, den ein jeder an der Erwählung hat, die Mitarbeit jedes Bekenners der jüdisjehen Religion an der Erreichung des Zieles, zu dem die Gemeinschaft berufen ist. Das Missverständnis aber sei alsbald zurückgewiesen, dass durch diesen Anteil des Einzelnen an den Aufgaben der Gemeinschaft, dessen er sich stets bewusst sein muss, die Innigkeit des Verhältnisses des Gläubigen zu Gott gelockert würde, und er sich nur als Glied seiner Glaubensgemeinschaft zu fühlen beginne. Vielmehr ist hier gerade die rechte Verbindung gegeben zwischen Individuum und Gemeinschaft, indem trotz allem notwendigen Individualismus alles doch wieder auf die Gemeinschaft gestellt ist und so den Gefahren des Individualismus entgegengearbeitet wird. Der Geist, der. die ganze Glaubensgemeinschaft durchzieht, und mit dem sie ihre Bekenner erfüllt, prägt sich im Verhältnis des; Menschen zu Gott aus, und wenn das Bewusstsein der Erwählung für das Leben der Gesamtheit das Streben nach Lohn ausschliesst, dann gilt das auch für jeden, der an diesem Leben aus innerer Ueberzeugung teilnimmt. J6 mehr man nun das Bekenntnis zu der „Erwählung Israels" in dem Sinne fasst,. dass es die Aeusserung eines in sich selbst ruhenden Willen»