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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1912-06-01 · 11 (6.1912) · p. Seite 4

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
6 (1912)
Issue
11 (6.1912)
Date
1912-06-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Stammvater seiner leiblichen Nachkommenschaft, sondern der Vater aller Menschen, die den Weg der Tagend wählen, Abraham ist somit, schreibt Maimonidesj an den Proselyten Obadja, nicht weniger dein Vater als der meinige; - er ist der Vater aller Frommen". —Und Menachem ber Serach schreibt in seinem populären Werke Zedah laderech (Buch I, Abt. I, Kap. 32): „Unsere Erwählung besteht darin, dass Gott uns seine Thora und die Gebote gegeben hat, darin offenbarte sich seine ewige Liebe". — Als ein besonders wichtiges Zeugnis sei endlich noch der Text des täglichen Morgengebets angeführt: „Du hast uns erwählt aus allen Völkern und hast uns deinem heiligen Namen nahegebracht, selah, in Wahrheit, dass wir dich bekennen und dich als den Einzigen bezeugen in Liebe". Für den, der ohne Voreingenommenheit die mit dem Begriff der Erwählung zusammenhängenden Fragen prüft, ergibt sich gerade aus der Lehre von der „Erwählang Israels" eine bewusste Bichtung auf den religiösen Universalismus. Wo nämlich Religion national bestimmt bleibt, da ist die Verbindung von Gott und Gläubigem naiv und mit Notwendigkeit gegeben, da ist weder von der Freiheit Gottes die Rede, mit Menschen zu einem bestimmten über die betreffende Nation hinausgehenden Plane ein Band zu knüpfen oder dieses Band aus sittlichen Motiven zu lösen, noch ist da für das aus der Ueberzeugung geschöpfte freie Bekenntnis des Einzelnen Raum. In dem Gedanken, dass Gott und Israel nicht durch äussere Notwendigkeit verbunden sind, hegt also an sich schon die Abwehr von partikularistischen Gedankenreihen. Der Satz: „Gott hat Israel auserwählt" besagt demzufolge, dass der, der ihn geprägt, und wer ihn aufnimmt und als sein Bekenntnis wiederholt, an einen Gott glaubt, der der ganzen Menschheit den Weg zu sich bahnen will, der allen Menschen die Gotteskindschaft zu eigen gegeben und darum jemand zum Träger seiner Botschaft an die Menschheit bestimmt hat. Deshalb ja auch in dem oben angeführten Bibelvers II. B. Mos. 19.5, der die Offenbarung am Sinai einleitet, der das Ganze ins rechte Licht setzende Nachsatz: „Denn mir gehöret die ganze Erde". Man hat diesen Nachsät? auch stets in solchem Sinne verstanden und gedeutet; Rasehi z. B. unterstreicht ihn in seinem Bibelkommentar mit den erklärenden Worten: „Sprechet nicht: Ihr allein gehöret mir, und ich hätte andere nicht zu eigen neben Euch, und was hätte ich sonst noch, dass gerade Eure Liebe kenntlich wird, «denn mir gehört die ganze Erde»". Es soll durchaus nicht geleugnet werden, dass es in der Auffassung von Israel -als dem auserwählten Volke auch Missverständnisse im Sinne nationaler Enge gab, sie erklären sich leicht aus dem B<jwusstsein, dass die religiöse Eigenart und der Kampf um ihre Behauptung Israel in einen prinzipiellen Gegensatz zur heidnischen Umwelt zwang. Wo aber irrige Auffassungen zu Tage traten, sind sie, wie aus den obigen Nachweisen erhellt, seit den Tagen der Propheten von den religiösen Führern selbst am schärfsten bekämpft worden. So leuchtet denn aus der vielumstrittenen Lehre hell die Einheit der Menschheit und die absolute Geltung der Sittlichkeit als Endziel hervor, und der Glaube an die Erwählung Israels wurde zu einem der stärksten Mittel, um

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