Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 10 (10.1911)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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1 - 8 - i Besonders stark ist diese Bewegung im Osten. Die heftige Konkurrenz der Polen, die zum Teil mit antisemitischem Boykott arbeiten, erscheint hier als ein wesentlicher Grund; aber auch die Haltung der Behörden, die in dem dortigen Kampf zwischen Deutschtum und Polentum den Deutschen jüdischen Glaubens jede Unterstützung versagen, wirkt nachteilig. Wenn man sich hier darauf beruft, dass die Juden keine zuverlässig bodenständigen Elemente seien, so ist das eben der bekannte Kreisschluss: sie bleiben nur nicht ansässig, weil man ihnen alle Wege, ihr Leben in jenen Bezirken leidlicher zu gestalten, sperrt; Jahrhunderte hindurch waren sie früher „bodenständig"; erst das Verfahren der Behörden in der neueren Zeit treibt sie von ihren alten Wohnsitzen. Mit dem Rückgang der kleinen Gemeinden hängt aufs engste der Notstand im jüdischen Volksschulwesen zusammen. Wenn auch hier und da zu klein gewordene jüdische Schulkörper von der Regierung aufgehoben worden sind, bo zeigen doch anderseits die Behörden neuerdings erfreuliches Interesse an der Aufrechterhaltung jüdischen Religionsunterrichts. Dieser Unterricht ist, wie uns von vielen Seiten gemeldet wird, in> der letzten' Zeit an einer Anzahl höherer Schulen neu eingeführt oder wesentlich erweitert worden. Auch hat z. B. die Regierung des Fürstentums Lippe-Detmold eine verhältnismässig beträchtliche Summe zur Unterstützung des Wanderunterrichts bewilligt. Die gemeinschaftliche Errichtung derartiger Stellen kann solchen einander benachbarten kleinen Gemeinden, die einzeln weder die erforderliche Schülerzahl noch ein angemessenes Lehrergehalt aufbringen können, zur Lösung ihrer schwierigen Lage gar nicht genug ans Herz gelegt werden. — Ferner hat in Breslau die preussische Regierung endlich die Anstellung jüdischer Lehrer an öffentlichen christlichkonfessionellen Volksschulen zur Erteilung jüdischen Rehgions- und, wenngleich noch mit einer nicht zu billigenden Einschränkung, auch anderen Unterrichts genehmigt. Ausserhalb Berlins ist das, abgesehen von besonderen Uebergangsverhältnissen, zum erstenmal erreicht worden. Es ist danach zu hoffen, dass auch andere Gemeinden bei etwaigen Anträgen in der gleichen Richtung jetzt eher auf Berücksichtigung durch die Regierung rechnen dürfen. Was den Antisemitismus an Schulen selber anlangt, kann man mit Genugtuung den Erfolg der regelmässigen Abwehr aller Ungehörigkeiten verzeichnen. Es wird zu einem nicht geringen Teile die Wirkung der in früheren Fällen von den in Betracht kommenden jüdischen Körperschaften gezeigten Tatkraft sein, wenn unsere Korrespondenten jetzt mehrfach melden können, dass die aufgetauchten antisemitischen Regungen bei Schülern oder Lehrew^wi den betreffenden Schulleitern mit Energie zurückgewiesen worden sind. 'Lieber den aktiven Anteil der Juden an unserm höheren Unterricht dagegen ist pöch immer noch nichts Erfreuliches zu melden. — (Vgl. „Zwei Berufe" Korresp.- Bl. No. 6.) Dass aus dem Königreich Bayern die erstmalige Anstellung eines jüdischen Gymnasiallehrers gemeldet wird, ist ja an sich gewiss zu begrüssen, zeigt aber doch gleichzeitig in betrübender Weise, wie es auf diesem wichtigen Gebiete mit der gesetzlichen Gleichberechtigüng der Juden steht.