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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1911-10-01 · 10 (10.1911) · p. Seite 2

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
5 (1911)
Issue
10 (10.1911)
Date
1911-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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grossen Zahl von Sonder-Umfragen ersucht worden sind, und — fast ausnahmslos — viel Arbeit aufwenden mussten, um das erforderliche Material zu liefern. Aber es wäre sehr dankenswert, wenn ausserdem auch die doch nur vierteljährlich zu erstattenden Berichte — namentlich aus ein paar Grosstädten und aus einigen , württembergischen, märkischen und pommerschen Bezirken — wieder regelmässiger und ausführlicher würden. Versuchen wir wiederum' das Ergebnis der ja immerhin stattlichen Anzahl von Berichten zu einem^O^samtbilde der Lage der deutschen Juden zusammenzufassen! Als Kennzeichen der im allgemeinen gegenüber den Juden an massgebenden Stellen herrschenden Gesinnung kann man in gewissem Grade dia Stellungnahme der Behörden gegenüber jüdischen Naturalisationsgesuchen gelten lassen. Der erste Eindruck wäre hiernach verhältnismässig nicht ganz so ungünstig wie früher; denn eine gewisse Anzahl Naturalisationen wurde im Laufe unseres Berichtsjahres gemeldet. Bei näherer Prüfung ergibt sich aber, dass es sich fast überall um junge Leute handelt, die sich zum Militärdienst gestellt haben und für tauglich befunden worden sind, eine Voraussetzung, an der man für die Naturalisation in Preussen der Regel nach festhält. Anderseits ist die Zahl von Meldungen über Ablehnung von Naturalisationsgesuchen fast ebenso gross wie, bisher, und fast immer hat nach unseren Nachrichten die Konfession der Anträgsteller allein den Grund zur Abweisung gegeben. Es muss wiederum betont werden, dass sich unter den Abgewiesenen auch holländische Juden befinden, auf die das Schlagwort von der kulturell minderen Qualität gegenüber der christlichen deutschgeborenen Bevölkerung der betreffenden Gegend, mit dem gegenüber den aus dem Osten eingewanderten Juden vielfach operiert wird, unzweifelhaft keine Anwendung finden kann. "Wie seltsam hart vielfach Behörden noch immer unseren Glaubensgenossen in dieser Beziehung begegnen, kann der Fall eines jüdischen Ingenieurs russischer Herkunft zeigen, der im Rheinland zwar bei einer Staatsbehörde beschäftigt, aber gleichwohl nicht naturalisiert worden ist. — Sogar ein Fall, in dem ehemaligen deutschen Juden, die durch jahrzehntelangen Aufenthalt in Amerika die Staatsangehörigkeit verloren hatten, die Renaturalisation verweigert wurde, ist auch in diesem Jahr wieder mitgeteilt worden. "Was im übrigen die Behandlnng der ausländischen Juden in Deutschland betrifft, so ist bemerkenswert, dass gerade in demjenigen ostdeutschen Bezirk, der sich sonst in unnachsichtigen Ausweisungen hervortut, in dem sogar der in Deutschland gar nicht ansässige Inhaber einer in Deutschland belegenen Geschäftsniederlassung über die Grenze gewiesen wurde, ausländische jüdische Grubenarbeiter in grösserer Zahl geduldet werden. Es scheint also, dass die grundsätzlichen „Bedenken", die man sonst den Juden gegenüber ins Feld führt, hier einem wirtschaftlichen Interesse gegenüber schweigen, also nicht absoluter Natur seift können. — In der jüdischen Einwanderung wird mit Ausnahme einiger fränkischen und hessischen Landstriche (die schon früher die gleichen besonderen Verhältnisse aufwiesen) eine Abnahme verzeichnet. , Unter der einheimischen jüdischen Bevölkerung hält überall die Abwanderung vom Lande in die Stadt, von den kleinen in die grossen Gemeinden an.

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