Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 9 (10.1911) (Apologetische Sondernummer)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 18 — I Hoffmanns Schrift hat nicht im mindesten apologetische Tendenz, was hei einer streng wissenschaftlichen volkswirtschaftlichen Arbeit eigentlich selbstverständlich ist. Aber gerade deshalb ist das Bach sehr geeignet, viele Vorurteile und falsche Anklagen zurückzuweisen, die gegen die deutschen Juden des Mittelalters erhoben werden. Man begegnet sonst fast überall der Ansicht, dass die deutschen Juden im Mittelalter sich lediglich mit dem Handel und mit dem Geldleihgeschäft oder, wie man sich oft ausdrückt, mit dem Wucher befasst hätten. Die landläufige Annahme ist, dass bis zu den Kreuzzügen die Juden den Grosshandel in Deutschland nahezu monopolisiert hätten. Nach den Kreuzzügen sei das deutsche Volk wirtschaftlich erstarkt und habe die Juden vom Welthandel verdrängt; die ärmeren, wirtschaftlich schwächeren unter ihnen hätten sich nun mit dem Kleinhandel, mit dem Trödel abgeben müssen, wahrend die reicheren und begabteren das Geldleihgeschäft, den Wucher, betrieben und zur hohen Entwicklung gebracht hätten. Hoffmann weist nach, dass diese Behauptung durchaus falsch ist, und er gibt über die Ursachen der verhältnismässig starken Beteiligung der Juden am Handel und Geldleihgeschäft in wissenschaftlich begründeten Ausführungen Aufschlass. Die deutschen Juden haben sich im frühen Mittelalter auch an der Landwirtschaft beteiligt, wofür zahlreiche Zeugnisse beigebracht werden. Wenn dies nicht in grösserem Umfange geschah, so erklärt es sich aus folgendem Grunde: Zur Zeit der Völkerwanderung, als der deutsche Boden allmählich von den deutschen Stämmen in festen Besitz genommen wurde, gab 63 wohl schon Jaden in Deutschland, aber zum grössten Teil in den wenigen damals vorhandenen Städten des Westens und Südens. Als Bich ihre Zahl dann -langsam durdh Einwanderung vermehrte, befand sich der Grand und Boden schon in fester Hand und war ihnen nicht mehr zugänglich. Vermehren konnten sich die Juden also nur in den Städten. Daher wurde die Bedeutung der Juden im mittelalterlichen Deutschland für den Handel grösser. In späteren Jahrhunderten wurden dann die Juden in Deutschland vom Warenhandel dadurch verdrängt, dass dieser nur zunftmässig von den Kaufmannsgilden und Brüderschaften betrieben werden durfte, in die Juden keine Aufnahme fanden. Was aber das Geldleihgeschäft betrifft, so weist Hoffmann unwiderleglich nach, dass die Juden weder die alleinigen noch die schlimmsten Geldverleiher in Deutschland waren und, worauf es hauptsächlich ankommt, dass sie, vom wirtschaftlichen Standpunkt aus beurteilt, durch das von ihnen betriebene Geldleihgeschäft den Wohlstand des Landes am wenigsten geschädigt haben, dass die Schädigung vielmehr in erster Linie durch zahlreiche Italiener geschah, die in Deutschland Geldgeschäfte betrieben und, wenn sie grössere Geldsummen angesammelt hatten, Deutschland wieder verHessen und so das Geld aus dem Lande zogen. Das Geldleihgeschäft in Deutschland hat sich zuerst so entwickelt, dass die Geistlichen und namentlich die reichen Klöster, die infolge der Schenkungen der Gläubigen grosse Schätze angesammelt hatten, bares Geld gegen Zinsen