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Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1911-10-01 · 9 (10.1911) (Apologetische Sondernummer) · p. Seite 4

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Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
5 (1911)
Issue
9 (10.1911) (Apologetische Sondernummer)
Date
1911-10-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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— 4 — l . - ■ ' - ' einzelnen Menschen. Er hat die Menschen gelehrt, Leben, Ehre, Freiheit und Besitz, Beruf, Familie, Heimat, Volkstum, mit einem Wort die Welt gering zu schätzen. . Seine Seele ist völlig von der gespannten Erwartung des messianiscben Reichs erfüllt, sodass alles Irdische für ihn seinen Wert verliert. Aus dieser Weltüberlegenheit ist im Laufe der Zeit eine weltflüchtige, asketische Stimmung geworden, die erst durch die Reformation wieder einigermassen beseitigt worden ist. Welt und Religion haben sich seitdem einander genähert, aber ein Rest jener ursprünglichen Geringschätzung des Irdischen ist geblieben. Der moderne Christ nimmt an der Kulturarbeit teil, aber sie bleibt ihm etwas Unzulängliches, seine Sehnsucht schweift über die Welt hinaus ins Transscendente. Von dieser Stimmung ist im modernen Judentum ebensowenig, wie in der Religion der Bibel etwas zu finden. Die Worte der Thora: „Füllet die Erde und bezwinget sie", die das Programm der Kultur enthalten, wecken noch heute in uns ein freudiges Echo, und unsere Sehnsucht blickt nicht so sehr in jenseitige Welten, als in die Zukunft der menschlichen Kultur. Die jüdische Religions will das Leben nicht überwinden, sondern ihm seine höchste Form geben. Aus der weltüberlegenen messianischen Stimmung erklärt sich auch die schwärmerische Form, die Jesus dem jüdischen Gebot der Nächstenliebe gegeben bat. Er zitiert zwar die Thoraworte: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" sie enthalten aber nicht ganz seine Ansicht. Seine ethische Forderung würde in deutlicher Fownulierung lauten: „Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst". Die jüdische Nächstenliebe ist eine Einschränkung und Begrenzung des Egoismus und zugleich eine Erweiterung des Interesses über die eigene Person hinaus. Sie ruht auf der Ueberzeugung von dem gleichen unendlichen Wert jeder menschlichen Seele. Darum verlangt die Thora, dass wir nicht nur an uns denken, aber ebenso auch, dass wir unser nicht vergessen. Es ist demnach ein unbegreiflicher Irrtum, wenn Harnack die Behauptung aufstellt, das Evangelium erst hatte den Wert der Menschenseele entdeckt. Die christliche Nächstenliebe ist nicht eine Einschränkung, sondern totale Aufhebung der Eigenliebe. Der Mensch an sich ist wertlos, seinen Wert bekommt er erst durch die Liebe, dadurch, dass er anderen dient. Mit dem Eigenwert des Menschen schwinden aber auch die mannigfachen Persönlichkeits werte, die Forderung, die geistigen Anlagen um ihrer selbst willen zu entwickeln, und es bleibt nichts anderes übrig, als die Aufopferung des eigenen Interesses. Daher erschöpft sich die christliche iMoral in dem Gebot der Liebe, und da die Kranken und Unglücklichen ihrer am meisten bedürfen, hat die Moral des Christentums ihren schwermütigen und sentimentalen Charakter bekommen. Das Christentum hat alles Starke und Lebensvolle zu Gunsten des Leidenden und Schwachen entwertet, den Einzelnen vollkommen als Werkzeug der Gesamtheit betrachtet. Wie viel gesünder und\eicher erscheint neben ihr die jüdische Moral, die den Menschen zunächst auf sich hinweist und ermahnt, die eigenen Kräfte zur Entfaltung zu bringen, ihn aber vor Unterdrückung anderer warnt und vom Stärkeren liebevolles Interesse für den Schwächeren verlangt!

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