Mannheim
Compact Memory

Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden · 1911-10-01 · 9 (10.1911) (Apologetische Sondernummer) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
Volume
5 (1911)
Issue
9 (10.1911) (Apologetische Sondernummer)
Date
1911-10-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4908657-6349526-6349571--119-4908763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Folgen sittlichen Handelns hingewiesen, am dem Willen die Richtung auf das ethische Ideal hin zu geben. Geltung und Wert aber schöpft das biblische Sittengesetz nicht aas dem Glück, das es spendet, sondern es herrscht souverän. „Heilig sollt ihr mir sein, denn heilig bin ich, der Ewige, Euer Gott." Das sittliche Wachstum der Menschheit, ihr langsames aber anunterbrochenes Steigen von Gipfel zu Gipfel bildet nach jüdischer Auffassung den Inhalt and Sinn* des Lebens. Nicht die Seligkeit des Menschen, sondern seine sittliche Vollkommenheit ist der oberste Begriff des Judentums. Aach die Versöhnung des Menschen mit Gott, seine Befreiung von dem Bewusstsein der Schuld wird unter diesen Gesichtspunkt gestellt. Der Versöhnungstag bringt uns nicht ans Ziel, sondern ermutigt and ermahnt ans zu weiterem and höherem Streben. Bei diesem Sachverhalt erscheint die Kritik, die christliche Theologen am Judentum üben, am so auffallender. Ihr Vorwarf, dass die ethischen Forderangen in ihm nicht zu voller Kraft gelangen, die Sittlichkeit um ihren Ernst gebracht wird, kann mit weit grösserem Recht gegen die christliche Religion erhoben werden. Die Wortführer der protestantischen Wissenschaft versuchen zwar das Christentum in diesem Punkt zu reformieren, an die Stelle der Recht- ■ i fertigung durch den Glauben die Mahnung zu sittlicher Arbeit zu setzen, aber sie entfernen sich damit mit vollem Bewusstsein von den Grundanschaoungen des überlieferten Christentums. ' In ihm ist „alles auf die Gegensätze Sünde und Gnade gestellt, das einzige Zentrum der Frömmigkeit ist das Bewusstsein der Sünde und der Trost der Befreiung von Sünde und Schuld geworden". . . . „Jene Anschauung aufrecht erhalten, das heisst dem modernen Leben seine Existenz nehmen, es zum Selbstverzicht zwingen wollen." „Jene' christliche Grandstimmung war verständlich, als das Christentum sich einer heidnischen Kultur gegenüberfand, die es bekämpfte. ... sie lässt sich dem selbständig gewordenen modernen Leben nicht mehr aufdrängen". „Der Erlösungsgedanke konzentrierte sich im Lauf der Geschichte des Christentums in dem Glauben an eine besondere Bedeutung des Opfertodes Christi. Christi Tod wurde das grosse, für unsere Sünden dargebrachte Opfer, er bekam stellvertretenden Wert and Bedeutung." . . . „Unser an Kants Ethik gebildetes moralisches Empfinden, aber sagt uns mit aller wünschenswerten Deutlichkeit: ,Die Schuld, die du begangen, die kann kein anderer dir abnehmen and für dich büssen, kein Mensch und kein Gott'." So äussert sich Bousset in seinem Buche „Das Wesen der Religion". Seine Worte bedeuten einen entschiedenen Bruch mit dem historischen Christentum und eine Rückkehr zum Judentum. Das gibt Bousset nicht zu, sondern er beruft sich auf die ursprüngliche Lehre Jesu. Doch das ist im Grunde dasselbe, denn in dieser Frage besteht zwischen dem Evangelium und der Bibel kein Unterschied. „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist". Das ist nicht einmal eine Variation, sondern einfach eine Wiederholung des pentateuchischen Gebots der Heiligkeit. Die Originalität Jesu offenbart sich nicht in einer neuen Beurteilung der Bedeutung des Sittlichen, darin ist er vollkommen Jünger der Propheten, sondern in einer durchaus persönlichen Schätzung der Welt und des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.