Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 9 (10.1911) (Apologetische Sondernummer)
- Date
- 1911-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 2 — V | -1 hinein. Die Person Jesu steht noch heute im Mittelpunkt des christlich-religiösen Interesses, auch bei denen, die in ihm nicht den Sohn Gottes, sondern den idealen Menschen verehren. Seine Predigt von dem Gott der Liebe gilt als höchste Offenbarung der religiösen Wahrheit. Man sieht in dem leidenden Christus das erhabenste Symbol der göttlichen Liebe. Für den Christen der Gegenwart ist Gott: die Liebe und nichts anderes als Liebe. Für uns Juden dagegen ist Gott nicht nur die Liebe, sondern ebensoauch die Gerechtigkeit. Zwar betonen von den Propheten der Bibel die einen mehr-Gottes Barmherzigkeit, die andern stärker die Gerechtigkeit seines Waltens. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass wir. uns Gott als gerecht und barmherzig zugleich denken. Somit bleibt auch nach Ueberwindung des TriDitätsglaubens eine wesentliche Verschiedenheit der Gottesvorstellung bestehen. Sie steht ims Zusammenhang mit prinzipiellen Differenzen des sittlichen Fühlens. . Der wesentliche Lehrsatz des historischen Christentums ist das Dogma von der Erlösung der sündigen Menschheit durch den schuldlösen Opfertod Christi. Gott selbst nimmt das Martyrium qualvollsten Leidens auf sich, um die sittliche Schuld der Menschheit zu sühnen und ihr die ewige Seligkeit zu bringen. Daraus ergibt sich der entschieden eudaemonistische Charakter der christlichen Religion. Der höchste Wert, den sie aufstellt, ist die Seligkeit, das vollkommene Glück der Menschheit, und sie schreckt nicht vor dem Gedanken zurück, dass Gott selbst sich opfert, damit nur der Mensch glücklich werde. Es wird also Gott, das Ideal sittlicher Vollkommenheit, in den Dienst der Menschheit gestellt. Demnach ist es durchaus konsequent, wenn die .,guten Werke", das sittliche Stpeben des Menschen, innerhalb des christlichen Glaubens, eine secundäre Bedeutung haben, wenn auch nach Luthers Ueberzeugung der Glaube das Seligmachende und Wesentliche ist. Das Christentum macht zunächst den Eindruck einer eminent ethischen Religion, weil es den Begriff der sittlichen Schuld in den Mittelpunkt stellt und alles Interesse auf diesen einen Punkt lenkt; weil es aber an der moralischen Kraft des Menschen zweifelt, hat es aus der Tatsache menschlicher Unvollkommenheit nicht ethische Forderungen abgeleitet, ihm nicht die Aufgabe sittlicher Arbeit gestellt, sondern sich bemüht, den unerträglichen Druck des Schuldbewusstseins von den Seelen zu nehmen. - Nicht sittliche Aufwärtsentwicklung ist ihm das Höchste, sondern Erlösung von der Qual des Gewissens. Daher ist nach christlicher Ansicht Gott die Liebe, die selbstlos schenkt und nicht die Gerechtigkeit, die sittliche Ansprüche stellt. Zu dieser Wertung des Sittlichen bildet die jüdische Auffassung den vollkommenen Gegensatz. Sie stellt nicht Gott in den Dienst der Menschheit, sondern den Menschen in den Dienst der Gottheit, der sittlichen Idee: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern sein und ein heilig Volk". Es fehlen zwar in der Bibel auch eudaemonistische Gedanken nicht; dahin gehören die zahlreichen Hinweise auf Lohn und Strafe, und selbst die Schilderung der messianischen Zeit, die Bestimmung des Endziels der gesamten Menschheitsentwicklung verbindet sittliche Vollkommenheit mit menschlichem Glück. Doch der Eudaemonismus dient hier offenbar erzieherischen Zwecken, es wird auf die beglückenden