Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Journal
- Korrespondenzblatt des Verbandes der Deutschen Juden
- Volume
- 4 (1910)
- Issue
- 8 (10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 2 — Ausser in der Provinz Posen, in der die immer heftigere Konkurrenz der Polen als besonders gewichtige Ursache der Abwanderang erscheint, wird auch im "Werten und Südwesten Deutschlands, namentlich in der Oberpfalz, in Baden und in Elsass Lothringen die gleiche Erscheinung beklagt. Im Reichslande wird sie mit der Tätigkeit df r Dahrlehnskassen in Zusammenhang gebracht, die zwar; nicht in antisemitischem aber doch in katholisch klerikalem Sinn geleitet werden und deshalb von nachteiligem Einfluss auf das jüdische Erwerbsleben sind.^' In fast allen Fällen ist Mitursache für die Verschiebung der geschäftliche Rückgang gerade in den zu der Landwirtschaft in Beziehung stehenden Berufen, namÄnt]h2h-jm Yiehhandel; ein Gegenstück hierzu bildet eine Meldung des Zuzugs jüdische> Viehhändler in eine norddeutsche Grossstadt, wo sie, wie verlautet, mit Erfolg arbeiten. . Eine Folge des Rückgangs *der kleinen Gemeinden sind die wachsenden Schwierigkeiten,- die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bezüglich der Schule und des Kultus in jenen Gegenden zu befriedigen. Es wird, namentlich in Ostpreüssen, an der Bekämpfung dieser Übelstände durch Zusammenschluss kleiner Gemeinden zu Schul- und Kultusgemeinschaften eifrig weitergearbeitet. In Mecklenburg sind nach dem Vorgange des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes dort, wo die Schulen der Einzel gemeinden sonst eingehen müssten, "Wanderlehrerstellen eingerichtet worden. Von den sonstigen Vorgängen im inneren Leben der jüdischen Gemeinden muss vor allen Dingen die grosse Organisation zur Bekämpfung des Wanderbettels erwähnt werden, die der Deutsch-Israelitische Gemeindebund ins Leben gerufen hat, und die, wie uns von verschiedenen Seiten gemeldet wird, eine wohltätige Wirkung zu üben beginnt. Es steht zu hoffen, dass diese Institution dazu beitragen wird, auch die Schwierigkeiten zu beseitigen, die aus der Einwanderung jüdischer Ausländer «ich immer noch hier und da ergeben. Ganz überwiegend wird übrigens eine Abnahme der jüdischen Einwanderung verzeichnet; in einzelnen Gegenden freilich, z. B. im Vogtlande, scheint sie doch noch recht stark zu sein. Und in Württemberg hat der Umfang des Wanderbettels sogar bu einem besonderen Erlass der Regierung geführt, der gegen die ausländischen jüdischen Bettler Massregeln in Aussicht stellt, wie sie sonst ausserhalb Preussens nicht üblich waren. Im Allgemeinen können wir auf Grund der Umfrage über Naturalisationen und Ausweisungen, die freilich bis in die Zeit, vor der Berichtsperiode zurückgeht,-sagen, dass bezüglich der Ausweisungen eine kleine Besserung eingetreten ist- — Die Massenausweisungen, über die wir vor einigen Jahren zu klagen hatten, hörten .'mit der Veränderung der Zustände in Russland auf. Höhere Ziffern von Ausweisungen fremdländischer Juden werden nur aus den Grenzprovinzen Posen und Schlesien gemeldet (hier im Regierungsbezirk Oppeln in einer ganz erschreckenden Höhe, und unter Anwendung ausserordentlicher Härte in verschiedenen Einzelfällen, in denen der jüdische Glaube der Betroffenen als einziger Grund der Ausweisung ersichtlich ist). Im Westen der Monarchie nimmt die Provinz Westfalen die gleich« unerfreuliche Sonderstellung ein. Da sich dort